Leitartikel

„Patient Wirtschaft“

Patient Wirtschaft

Patient Wirtschaft

Nordschleswig/Sønderjylland
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Gesundheitlich scheint Dänemark das Coronavirus im Griff zu haben. Wirtschaftlich spüren viele aber erst jetzt die Konsequenzen der Pandemie, schreibt Chefredakteur Gwyn Nissen.

Dänemark scheint die Corona-Pandemie im Griff zu haben. Die erste Welle wurde nicht ganz so schlimm wie befürchtet, weil die meisten Einwohner des Landes vernünftig auf die Maßnahmen reagiert haben. Ob es zu einer zweiten Virus-Welle kommt, bleibt abzuwarten, denn es gilt im Umgang mit anderen weiterhin Vorsicht, Disziplin und Umsicht.

Das Coronavirus hat aber nicht nur Einfluss auf den Gesundheitszustand des Landes. Auch die Wirtschaft ist ein Patient des Virus. Vielen Unternehmen wurde die Grundlage ihrer Existenz genommen, als sie Mitte März ihre Geschäfte schließen mussten. Erst langsam kommen einige wieder auf die Beine. Das Verlorene aus den ersten Monaten der Pandemie kann aber nicht überall aufgeholt werden. Es drohen in der Wirtschaft herbe Defizite, die sich für einige Branchen sogar bis ins neue Jahr hineinziehen.

Milliarden-Hilfspakete sollten Arbeitgeber und Arbeitnehmer zunächst helfen. Doch nicht überall reicht das Geld aus, und in einigen Fällen sind die Regeln sogar so zusammengestrickt, dass Unternehmen die Hilfe gar nicht einsetzen können.

In Apenrade hat die Hotelbesitzerin Helle Taulbjerg einen offenen Brief an Staatsministerin Mette Frederiksen geschickt, um über die eigenen (schlechten) Erfahrungen mit dem unbrauchbaren Hilfspaket zu berichten.

Anderen hilft das Hilfspaket auch nicht mehr. Um zu überleben, müssen sie Mitarbeiter entlassen. Die Zahl der Arbeitslosen ist seit Mitte März um 56.000 Personen gestiegen. Es gab mal Zeiten, da passten alle Arbeitslosen des Landes ins dänische Fußball-Nationalstadion Parken in Kopenhagen. Jetzt kann man inzwischen vier Stadien mit 156.400 Arbeitslosen füllen.

Dabei bleibt es aber nicht. Es kommt auf den Arbeitsmarkt in den kommenden Monaten eine zweite Welle und vielleicht sogar eine dritte zu, denn viele Unternehmen ziehen erst jetzt die Konsequenzen, wo die Hilfspakete zum Teil auslaufen.

Neue Hilfsmaßnahmen sind stattdessen an die Verbraucher gerichtet, damit sie in den kommenden Monaten Geld ausgeben: in den Geschäften, für Handwerker, im Urlaubsland Dänemark, in den Cafés und Restaurants sowie in den Kulturstätten.

Mit den richtigen Maßnahmen und einem glücklichen Händchen hat Dänemark die Corona-Pandemie bisher im Griff gehabt. Bleibt zu hoffen, dass auch wirtschaftlich die richtigen Maßnahmen ergriffen worden sind. Ansonsten droht eine neue Corona-Krise – mit Arbeitnehmern und Arbeitgebern als Opfer.

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