Leitartikel

„Paradiesische Kontrollverluste“

Paradiesische Kontrollverluste

Paradiesische Kontrollverluste

Apenrade/Aabenraa
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Die Grenzkontrollen haben ernsthaftere Auswirkungen auf das grenzüberschreitende Zusammenleben, als vielfach behauptet wird. Auch, weil sie das Symbol einer naiven Politik sind, sagt Cornelius von Tiedemann.

Es ist ja alles gar nicht so schlimm mit den Grenzkontrollen. Wir unbescholtenen Bürger merken es ja im Alltag gar nicht. Und wenn, dann geben sie uns ein zusätzliches Gefühl der Sicherheit. Oder machen wir uns da etwas vor?

Solche und ähnliche Argumente werden zumindest immer wieder vorgebracht, wenn Kritik daran geäußert wird, dass auch und gerade im deutsch-dänischen „Freundschaftsjahr“ an den Kontrollen an der Grenze festgehalten wird, ja, sie sogar noch intensiviert werden. Nicht nur von dänischer Seite übrigens, wie man anhand deutscher Empörungen manchmal meinen könnte. Auch deutsche Beamte kontrollieren öfter als früher und auffälliger als früher, und das direkt an der Grenze.

Die Folge: Stau. Nicht in einem Maße, das zu Chaos und Verzweiflung bei Grenzpendlern führt. Wer mit dem Auto zu bestimmten Zeiten über die Grenze muss, der richtet sich eben darauf ein, dass zwischen Deutschland und Dänemark wieder eine sicht- und spürbare Grenze besteht, dass man nicht, wie fast überall sonst in Europa, einfach so von seiner einen Heimat in seine andere Heimat fahren kann.

Der Gedanke, dass man mehr als eine Heimat haben kann, ist ja ohnehin für viele auch im Jahr 2020 noch vollkommen absurd. Auffällig oft ist er das für solche, die sich auf traditionelle, gerne auch angeblich christliche Werte berufen. Dabei sprechen gerade christliche Theologen von der Heimat häufig nicht als ein geografisch oder kulturell definiertes Territorium, sondern sie bezeichnen sie gerne mal als einen „paradiesischen Sehnsuchtsort“, Heimweh nennen sie entsprechend eine „Sehnsucht nach dem Paradies“.

Für die einen ist die Entsprechung eines solchen Paradieses in der Grenzkontroll-Debatte demnach ein geschütztes Reservat. Ein gut behütetes, möglichst überschaubares Gehege, um die Zaunthematik auch gleich mitzunehmen.

Für die anderen ist die große Freiheit das Paradies. Nicht die Anarchie, sondern die Freiheit, wie sie in den Schengener Abkommen als „Raum der Freiheit, der Sicherheit und des Rechts“ definiert ist, zum Beispiel. Jene Freiheit, die die Freizügigkeit der Menschen innerhalb Europas beinhaltet. Die es uns erlaubt, ohne spürbare Hindernisse zwischen Landschaften, Traditionen und Kulturen zu reisen, zu leben, zu lernen, zu arbeiten, zu lieben, zu erfahren.

Diese beiden Heimat- oder Paradiesvorstellungen passen nicht zusammen. Dort, wo die eine konsequent gelebt wird, kann die andere nicht funktionieren.

Hier im Grenzland merken wir das nun nicht nur „gefühlt“, sondern faktisch. Ein Flensburger Verkehrsunternehmen hat entschieden, dass das Pendeln zwischen zwei Paradiesgehegen einfach nicht praktikabel ist, wenn die Cherubim in Uniform jedes Mal misstrauisch überprüfen, wer denn da Einlass begehrt. Zu lang werden die Schlangen (jetzt fehlt nur noch der Apfel), um einen geordneten Fahrplan gewährleisten zu können.

Die Grenzkontrollen haben also de facto negative Auswirkungen auf das grenzüberschreitende Zusammenleben. Viele Reisende bekommen ernsthafte Probleme, ihren grenzüberschreitenden Alltag zu organisieren.

Sicherlich wird auch hier wieder eine Lösung gefunden, um die naive Gehege-Vorstellung vom Paradies noch weiter zu pflegen, um deren Anhängern ihren Glauben an eine einfache Welt zu lassen. Nein, ein Busfahrplan-Problem wird die politische Linie nicht ändern.

Doch die Ankündigung aus Flensburg ist ein weiteres Signal dafür, dass es für so manchen Politiker mit Rückgrat langsam mal an der Zeit wäre, in den sauren Apfel (sic!) zu beißen, und sich endlich wieder geradeheraus zu Europa und dem europäischen Gedanken zu bekennen – ohne Wenn und Aber. Und das auch dann, sollte ihr oder ihm dafür von einigen Wählern die Hölle heiß gemacht werden. Machen wir uns doch nicht länger etwas vor.

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