Leitartikel

„Paludans Provokationen“

„Paludans Provokationen“

„Paludans Provokationen“

Apenrade/Aabenraa
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Paludan mundtot machen? Ignorieren? Nein, sagt Chefredakteur Gwyn Nissen. Wir müssen uns mit ihm und der Stimmung, die er auslöst, auseinandersetzen. Es gibt nämlich auch eine andere Wahrheit als die Paludans.

Soldat der Freiheit. Beschützer der Schwachen. Wächter der Gesellschaft. Licht der Danen. Hoffnung des Nordens. Schöpfer des Friedens. Bote der Wahrheit. Oder einfach Rasmus Paludan – Anwalt, Stifter der Partei Stram Kurs und seit einigen Tagen Folketingskandidat.
Innerhalb von wenigen Wochen hat sich der islam-feindliche Paludan über 20.000 Unterschriften für seine Kandidatur zur bevorstehenden Folketingswahl gesichert. Paludan sage das, was sich andere nicht trauen würden, so seine Unterstützer. Dafür wurde der Anwalt aus Nordseeland im Frühjahr wegen Rassismus verurteilt, doch das setzte dem Treiben Paludans kein Ende. Im Gegenteil.
Seine Provokationen nahmen zu: Der Koran wurde im Wechsel entweder verbrannt, in Bacon verpackt, oder Paludan stellte sich auf das Buch. Er wagte sich dabei gerne in die Höhle des Löwen auf den Kopenhagener Nørrebro, in den Mjølnerparken und überall dort, hin wo Einwanderer die Mehrheit ausmachen.
Sein Kalkül ging auf: Irgendwann rasteten die Kinder von Einwanderern aus und ließen Nørrebro wie ein Schauplatz im Bürgerkrieg aussehen. Paludan hatte , was er wollte: einen unzähmbaren muslimischen Mob. Er brauchte nicht einmal selbst mit dem Finger darauf zu zeigen.
Mit Paludans Einzug auf der politischen Bühne wissen wir mit Sicherheit, dass Flüchtlinge und Einwanderung Hauptthema des Wahlkampfs werden – beziehungsweise schon sind. Dafür haben Dansk Folkeparti, die Neuen Bürgerlichen und Rasmus Paludan gesorgt – aber auch Venstre und die Sozialdemokraten. Es ist nur eine Frage, wer sich am weitesten nach rechts aus dem Fenster lehnt.
Aber viel weiter als Buchverbrennungen geht es nicht – oder doch? Paludan selbst räumte bei Interviews ein, es gehe ihm nur um die Aufmerksamkeit, damit er Unterschriften – und letztendlich Stimmen genug bekommt, um ins Folketing einzuziehen. Danach würde er sich zurückhalten. Aber wer glaubt das schon nach seinem extremen Auftreten.
Auch wenn die meisten politischen Kommentatoren noch davon ausgehen, dass sich Stimmen an Paludan, Riskærs Partei, die Christdemokraten und die Neuen Bürgerlichen als verschwendete Stimmen für den bürgerlichen Block erweisen könnten: Paludan könnte auch ins Folketing einziehen. Wer in so kurzer Zeit so viel Aufmerksamkeit erreicht hat, der ist noch nicht am Ende des Weges. Man solle ihn totschweigen, so seine Kritiker, aber in Zeiten von Facebook und Youtube ist ein Typ wie Paludan nicht mundtot zu bekommen. Er erreicht ständig sein Publikum. Daher muss man sich mit ihm und der Stimmung, die er auslöst, auseinander setzen. Es gibt nämlich auch eine andere Wahrheit als die Paludans.

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