Leitartikel

„Noch ist es nicht vorbei“

Noch ist es nicht vorbei

Noch ist es nicht vorbei

Apenrade/Aabenraa
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Dänemark ist als eines der ersten Länder schon fast wieder in der Normalität der Vor-Corona-Zeit angekommen. Doch noch ist die Krise nicht ausgestanden – und das Virus erst recht nicht, meint Cornelius von Tiedemann.

Viele haben derzeit Ferien. Und viele, aber längst nicht alle, verbringen den Sommerurlaub dieses Jahr in der Heimat und nicht in der Ferne. Durchatmen im frischen dänischen Sommer nach langen Monaten mit Umstellungen und Ausfällen, vielleicht auch Schicksalsschlägen wegen der Pandemie.

Die Normalität, von der die Regierung spricht, sie ist noch längst nicht wieder da für uns im Grenzland, die wir gesperrte Übergänge und lange Staus ertragen müssen. Und nicht zu vergessen: Die Grenze ist für Freunde und Verwandte von außerhalb Schleswig-Holsteins (also 96,52 Prozent der deutschen Bevölkerung) noch immer gesperrt, wenn sie nicht vorhaben, sechs Nächte bei uns zu bleiben.

Doch für die von diesen Querelen nicht betroffene Mehrheit in Dänemark läuft das Leben fast schon wieder wie immer. Schließlich sind die Infektionszahlen hierzulande ja niedrig, und die Zahl der Todesfälle ist inzwischen zum Glück sehr überschaubar.

Eine gewisse Nachlässigkeit macht sich breit. Längst nutzen nur noch wenige die Einweg-Handschuhe in den Obst- und Gemüseabteilungen der Supermärkte. Und ein Meter ist kein Meter – auf Abstand wird auch viel weniger geachtet als noch vor Wochen.

Wie auch. Der Mensch ist ein soziales Wesen, er kann gar nicht anders, als den Kontakt zu suchen. Selbst die nicht gerade als temperamentvoll verschrienen Nordschleswiger spüren das besonders dann, wenn es untersagt ist, einander die Hand zu reichen, sich zu umarmen und so weiter.

Vielleicht ist es ganz gut, dass wir jetzt ein wenig durchatmen, uns ein wenig wieder in die gewohnten Verhaltensmuster zurückfallen lassen können.

Denn schon bald könnte wieder verstärkte Disziplin von uns gefordert sein. Kein Mensch weiß, wann die Impfstoffe so weit sind, dass sie an die breite Bevölkerung gehen können – und ob sie zunächst wirklich nachhaltig wirken.

Und niemand kann sagen, ob nicht noch im Herbst oder Winter eine zweite Welle kommt, die wieder viele Leben bedroht. Oder ob es stimmt, dass es keine neue Welle, sondern immer wieder regionale Ausbrüche geben wird, vielleicht auch hier in Nordschleswig.

Dann müssen wir vielleicht alle, so wie sie es fast überall sonst tun oder taten, Masken tragen – und es wieder als Ehrensache ansehen, im Supermarkt und anderswo auf Abstand zueinander zu gehen. Das heißt dann auch wieder, nicht die ganze Familie in den Supermarkt mitzunehmen, sich vielleicht wieder ins Homeoffice zu begeben und so weiter.

Es ist eben nicht vorbei, bis es vorbei ist. Wir sind eben nicht nur für uns selbst und unsere nächsten Angehörigen verantwortlich, sondern bei einer Pandemie sind wirklich alle Menschen füreinander verantwortlich. Von Klein bis Groß, von Alt bis Jung, von Arm bis Reich und auch über verbarrikadierte und offene Grenzen hinweg.

Dass die Yuppies aus Hellerup (und anderen Orten) in Skagen in der vergangenen Woche allen Vorurteilen, die man gegen sie pflegen mag, gerecht wurden, mag ihnen angesichts der derzeitigen Zahlen vergeben sein. Der Drang, sein teures Auto und seine teure Armbanduhr vorzuzeigen, ist dann eben doch stärker als das, so das Vorurteil, entlang des Strandvejen ohnehin nicht besonders stark ausgebildete soziale Gewissen.

Doch Stereotype beiseite: In allen Gesellschaftsschichten erleben wir, dass die Achtsamkeit nachgelassen hat. Fast jeder von uns wird das, ganz ehrlich, auch für sich bestätigen können. Und es ist ein Glücksfall und, das gilt es zu untersuchen, vielleicht auch ein gesamtgesellschaftliches Verdienst, dass wir uns dieses Nachlassen gerade jetzt zur Urlaubszeit sogar leisten können.

Aber dann sollte auch Schluss sein. Sollten Infektionen aus Urlaubsländern mitgebracht werden oder sich wegen der Nachlässigkeit die Viren doch wieder schneller verbreiten, müssen wir alle wieder bereit sein, erneut Rücksicht aufeinander zu nehmen. Dass wir das können, haben wir ja bereits bewiesen.

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