Leitartikel

Muss – muss nicht

Gwyn Nissen
Gwyn Nissen Chefredakteur
Apenrade/Aabenraa
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Integrationsministerin Inger Støjberg (Venstre). Foto: Scanpix

Die Muhammed-Zeichnungen sind wie ein rotes Tuch: Einmal gezeigt – oder nicht – rast wieder einmal die gesamte Debatte von vorn los, meint Gwyn Nissen. Ihm zufolge steht unsere Rede- und Meinungsfreiheit nicht zur Diskussion – unsere Art, damit umzugehen aber schon.

Integrationsministerin Inger Støjberg entfachte erneut eine Diskussion über die Rede- und Meinungsfreiheit, als sie das Hintergrundbild ihres I-Pads zeigte: die Karikatur von Muhammed mit einer Bombe im Turban. Das Bild veränderte 2005 ein für alle Mal die dänische Gesellschaft und brachte Dänemark mit der muslimischen Welt auf Kriegsfuß. Bis heute.

Hintergrund ihres Facebook-Posts war, dass das Skovgaard Museum in Viborg die Ausstellung „Bildersturm – Blasphemie von der Reformation“ öffnet – ohne eins der zwölf Muhammed-Karikaturen von vor zwölf Jahren. Also zeigte sie ihr Schirmbild und beschrieb ihren Stolz, in einem Land zu leben, in dem es Rede- und Meinungsfreiheit gibt. Fast 13.000 Kommentare – für und wider – tickten auf Støjbergs Facebook-Account ein.

Die Muhammed-Zeichnungen sind wie ein rotes Tuch: Einmal gezeigt – oder nicht – rast wieder einmal die gesamte Debatte von vorn los. Ohne neue Erkenntnisse oder Gesichtspunkte. Es muss sein, lautet es von der einen Seite, die die Redefreiheit zu verteidigen meint. Muss es sein, fragt sich die andere Seite, die der Meinung ist, dass die Sache bereits auf den Punkt gebracht worden ist und weitere Provokationen nicht nötig sind.

Der frühere Chef des polizeilichen Nachrichtendienstes PET, Hans Jørgen Bonnichsen, gehört zu den Kritikern Støjbergs. Er nennt ihr Verhalten „kindisch, wobei sie die Sicherheit unserer Kinder und Enkel aufs Spiel setzt“. Dabei werde sie selbst rund um die Uhr bewacht. Die Zeichnungen sind laut Bonnichsen ein „Radikalisierungswerkzeug“, das dazu genutzt werde, aus der muslimischen Welt „junge Menschen zu mobilisieren, grausame Taten zu begehen“.

Man kann wie Inger Støjberg eine Muhammedkarikatur auf dem I-Pad haben oder an der Pinnwand. Und man kann auch auf seine Rede- und Meinungsfreiheit pochen und das Bild anderen zeigen. Aber man muss es nicht. Und man braucht es auch nicht, denn heute hat jeder von uns das Bild noch deutlich im Kopf. Und wenn nicht, dann kann man es googeln. Kein Grund also, die Zeichnungen wieder zu veröffentlichen, nur um seinen Standpunkt zu markieren.
Unsere Rede- und Meinungsfreiheit steht nicht zur Diskussion – unsere Art, damit umzugehen aber schon.

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