Leitartikel

„Mit Mikkel Hansen in den Sonnenuntergang“

Mit Mikkel Hansen in den Sonnenuntergang

Mit Mikkel Hansen in den Sonnenuntergang

Apenrade/Aabenraa
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Flugzeug
Der Flugverkehr ist während der Corona-Krise eingebrochen. Doch was passiert danach? Foto: Sangga Rima Roman Selia / unsplash

Der Handballstar Mikkel Hansen kehrt nach Dänemark zurück – und will dann von Kopenhagen zur Arbeit nach Aalborg fliegen. Cornelius von Tiedemann nimmt das nicht zum Anlass, die Moralkeule zu schwingen, sondern zu erklären, weshalb er regulierte Preise und Subventionen für Alternativen für den einzig gangbaren Weg hält.

Der dänische Ingenieurverband IDA hat gerade eine „Bevölkerungsuntersuchung“ veröffentlicht, in der eine oder einer von dreien behauptet, nach der Corona-Krise weniger häufig, kürzere Strecken oder gar nicht mehr mit dem Flugzeug reisen zu wollen.

Etwas merkwürdig an der Untersuchung ist, dass es die Antwortmöglichkeit „ich werde mein Verhalten nicht ändern“ nicht gab. Vielleicht haben deshalb 37 Prozent „weiß nicht“ angekreuzt. Immerhin 13 Prozent wollen mehr fliegen als früher, und 21 Prozent sind schon vor der Krise nie geflogen.

Laut IDA sagt uns die Untersuchung, dass viele Menschen in Dänemark ihre Gewohnheiten durch die Krise womöglich umstellen werden.

Einer, auf den das nicht zutrifft, ist Mikkel Hansen. Der ist Handballspieler und der große Star der Weltmeistermannschaft Dänemark.

Gerade sorgt er mit seinem für 2022 angekündigten Wechsel nach Aalborg für Schlagzeilen. Der Held, der in die Heimat zurückkehrt.

Dabei geht er gar nicht wirklich nach Aalborg. Vielmehr wechselt er zum Team Aalborg Håndbold. Denn leben will der Mann von Welt hauptsächlich in Kopenhagen – und dann die 225 Kilometer Luftlinie mit dem Flugzeug zur Arbeit nach Nordjütland fliegen. Das hat er „TV2 Sport“ verraten.

Nun wollen wir nicht die Moralkeule herausholen und ihm mit seiner Vorbildfunktion kommen. So funktioniert das nicht – und so doof sind die Kinder, Jugendlichen und Erwachsenen, die seine sportlichen Leistungen bewundern, auch nicht.

Aber als Beispiel dafür, wie egal viele moralisch-ethischen Überlegungen werden können, wenn sich die Gelegenheit auf etwas Luxus bietet, können wir sein Beispiel hernehmen. Er kann es sich eben leisten – und leistet es sich dann auch.

Und so wird es uns allen nach Corona gehen, wenn die Flugpreise nicht deutlich erhöht werden. Klar, ein kleiner und vielleicht etwas größer gewordener Teil von uns wird auf das Fliegen häufiger oder ganz verzichten. Aber weltweit betrachtet, dürfte der Flugverkehr sich rasch wieder „erholen“.

Weil das Fliegen so viele subjektive Vorzüge bietet. Wir können argumentieren, wie wir wollen. Mit Goethe, von dem nicht bekannt ist, dass er je per Flugzeug verreiste, beschwören, dass das Reisen über Land bilde, während das Fliegen die Ignoranz für das „Dazwischen“ forciere – und so weiter.

Solange jeder von uns zumindest im Urlaub ein Mikkel Hansen sein kann, werden wir auch wieder in den Flieger steigen. Und die vielen Millionen und Milliarden, die unseren Lebensstandard teilen oder anstreben, stehen auch bald (wieder) Schlange an den Flughäfen.

Auch wenn die Ingenieure dieser Welt, auch die tüchtigen von IDA, versprechen, sich um weniger klimaschädliche Techniken zu bemühen: Noch gibt es keine tragfähige technische Lösung.

Also sind (internationale) politische Beschlüsse gefragt, die Reisen, die unsere gemeinsame Lebensgrundlage gefährden, zur teuren Ausnahme machen. Und die zugleich Transportmöglichkeiten, die uns umweltschonend einander näher bringen, finanziell attraktiver machen. Und das schnell, und gerne auf Betrieb der dänischen Regierung hin, die so ihre klimapolitischen Ambitionen unterstreichen könnte.

Dann kann der Hansen mit dem Elektro-Kleinflugzeug nach Aalborg jetten, und wir gleiten unter ihm im zuverlässigen Schnellzug dahin, zu einem Preis, der uns die Entscheidung pro Bahn ganz leicht gemacht hat.

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