Leitartikel

„Mäßige und gemäßigte Aussichten“

Mäßige und gemäßigte Aussichten

Mäßige und gemäßigte Aussichten

Apenrade/Aabenraa
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Die DMI-Wetterprognose, ein Vulkanausbruch auf dem afrikanischen Kontinent und die Lebenssituation in Dänemark haben etwas gemeinsam. Was das sein könnte, erläutert „Nordschleswiger"-Redakteur Helge Möller in seinem Leitartikel.

Wettervorhersagen sind untrennbar mit der Zukunft verbunden. Meteorologen müssen sich mit ihr beschäftigen. So wollen wir es, denn wie das Wetter war, das wissen wir. Und es war: bislang mäßig. Interessant ist also, wie es sein wird. Abgesehen von Landwirten und Seeleuten, die es wissen müssen, wollen wir gern erfahren, was uns so erwartet. Nun wagte kürzlich das Dänische Meteorologische Institut, kurz DMI, nicht nur einen Blick aufs Wochenende, sondern auf den ganzen Sommer. Nach Sichtung der Daten kommen die Wissenschaftler zu der Erkenntnis: eher mäßig, kein Jahrhundertsommer, dafür Regen, Wind, aber auch einige schöne Tage.

Der prognostizierte Sommer 2021 passt gut in die derzeitige Lage. Die Impfkampagne schreitet mäßig schnell voran, die Menschen sind mäßig genervt. Einige hatten sich, siehe „Men in Black“-Demonstration, zwar über das Coronavirus und die Regeln, die die Regierung zu dessen Eindämmung erließ, aufgeregt, die Mehrheit folgte und folgt jedoch, vermutlich mäßig begeistert, wahrscheinlich mit einem „Muss ja“ auf den Lippen.

Damals, als die Pest Asien und Europa heimsuchte, soll es Berichten nach zu rauschenden Festen, gar Orgien gekommen sein – einerseits, weil die Menschen vor dem Eintreffen der Seuche vermutlich dachten, nun sei sowieso alles egal, andererseits, nach dem Vorbeiziehen der Pest, wohl um zu feiern, dass es einen, dieses Mal, nicht erwischt hatte. Macht zwei gute Gründe zum Feiern. Was dann wohl allerdings die gesellschaftlichen Strukturen, die die Seuche noch übriggelassen hatte, weiter zertrümmerte.

Im Jahr 2021 scheint der Däne bislang weit entfernt von solchen Umtrieben zu sein. Verstand und Vernunft überwiegen, Feiern sind in größerem Rahmen ohnehin verboten, und das wird weitgehend akzeptiert. So ziehen also die Wochen wie ein zäher Lavastrom dahin – wie der im Kongo, zumindest an seinem Ende. Wir mussten Rückschläge bei der Pandemiebekämpfung hinnehmen und die eigenen Zeitvorstellungen über die Dauer einer solchen des Öfteren revidieren. Das macht vorsichtig und trägt nicht zur Euphorie bei. Es wird wohl bei einem mäßigen Sommer bei gedämpfter Stimmung bleiben.

Aber: Positiv an der DMI-Sommerprognose ist, eine Dürre könnte uns erspart bleiben. Was auch nicht schlecht ist. Das Glas ist also halbvoll. Und Feiern im kleinen Kreis nicht verboten. Zumindest die derzeit niedrigen Zahlen kann man auch mit einem halbvollen Glas begießen – und sich zügig nachschenken. Es muss ja nicht gleich eine Orgie sein.

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