Leitartikel

„Kultur und Einkauf Hand in Hand“

Kultur und Einkauf Hand in Hand

Kultur und Einkauf Hand in Hand

Nordschleswig/Sønderjylland
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Die Kultur und ihre Institutionen leiden unnötig schwer unter der Corona-Krise, meint Chefredakteur Gwyn Nissen.

Ist Dänemark eine Kulturnation oder eine Einkaufsnation? Diese Frage ist in den vergangenen Tagen in Verbindung mit der zweiten Öffnungsphase und weiteren Lockerungen der Corona-Maßnahmen heiß diskutiert worden. Und mit Recht.

Einkaufszentren und Einzelhandel kehren zurück zum Alltag, während die Besucher von Museen, Theatern und anderen Kulturinstitutionen weiterhin vor verschlossenen Türen stehen. Wir können wieder Möbel bei Ikea und fünf Kilo Hack bei Bilka kaufen – die Schlangen an der Kasse werden wieder länger.

Doch Funde aus der Wikingerzeit hinter einer Glasscheibe oder ein Gemälde an der Wand sind scheinbar immer noch eine gesundheitliche Bedrohung (was laut eigenen Berichten aber nicht der Fall ist).

Die bleibende Schließung der Museen trifft auf Unverständnis, weil gerade diese die Erfahrung haben, Besucher durch ihre Häuser zu leiten. Sie können die Zahl der Gäste kontrollieren, ihre Wege, wo sie anhalten dürfen und wo nicht. Die meisten Museen haben das Personal, um ihr Publikum im Griff zu behalten.

Für die Regierung wäre die Öffnung einiger Kulturinstitutionen so etwas wie eine Freikarte gewesen. Es wäre eine weitere Normalisierung und ein Stück Freiheitsgefühl für alle – ob sie jetzt ins Museum gehen oder nicht. Dass Kulturministerin Joy Mogensen (Soz.) damit in der Regierung nicht durchkommt, zeigt ihre Schwäche, so die Kritik von vielen Seiten.

Doch es ist eher die Stärke von Mette Frederiksen und ihrem Spitzenteam, gegen das andere Minister in dieser außergewöhnlichen Situation nicht ankommen. Hinter dem Beschluss, dem Einkauf den Vorzug vor dem Museumsbesuch zu geben, liegt auch sozialdemokratisches Kalkül: Die Öffnung des Kulturlebens wäre ein elitärer Zug gewesen – die Geschäfte zu öffnen, spricht die Massen an.

Dabei wäre es auch Hand in Hand möglich gewesen. Die Kultur leidet schon schwer genug unter der Corona-Krise, und sie müsste nicht in der dritten oder vierten Reihe stehen, jetzt, wo wir uns einem neuen Alltag nähern.

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