Leitartikel

„Kranz für die Kaiserin“

Kranz für die Kaiserin

Kranz für die Kaiserin

Siegfried Matlok
Siegfried Matlok Senior-Korrespondent
Apenrade
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In seinem Leitartikel geht Siegfried Matlok auf den Tod von Prinz Philipp und die historischen Verbindungen nach Nordschleswig ein.

Sonnabend wird Prinz Philipp beigesetzt, der auch den Titel Prinz von Griechenland und Dänemark trug. In Vergessenheit gerät jedoch, dass der am 9. April verstorbene britische Prinzgemahl väterlicherseits dem Hause Schleswig-Holstein-Sonderburg-Augustenburg entstammt – ebenso wie Deutschlands letzte Kaiserin, Auguste Viktoria, deren Vater Herzog Friedrich August von Schleswig-Holstein-Sonderburg-Augustenburg war. Kaiserin (und Königin) Auguste Viktoria war 1858 geboren und starb am 11. April 1921 im Exil im holländischen Doorn. Just zu ihrem 100. Todestage ist eine neue Biografie des Hohenzollern-Experten Jörg Kirschstein mit dem Titel „Auguste Victoria. Porträt einer Kaiserin“ erschienen, und das „ZDF“ sendete ein längeres Porträt: „Mehr als nur eine First Lady“.

Ob „Auguste Viktoria“ (bei Geburt) oder später „Auguste Victoria“, sie war 30 Jahre deutsche Kaiserin. Hier soll nicht die schleswigsche Geschichte oder die Rolle der Augustenburger erzählt werden, z. B. die besonders umstrittene ihres Vaters Herzog Friedrich, der 1863 nach dem Tode des Dänen-Königs Frederik VII. – trotz des früheren Verzichts seines Vaters Christian August auf die Erbfolge gegen eine Abfindung von 2,5 Millionen Talern – nun für sich den Thron beanspruchte. Als „Friedrich der Achte“ wurde er nicht nur von den Dänen verspottet, die sich für den Glücksburger Christian IX. entschieden. Auch Reichskanzler Otto von Bismarck stellte Friedrich politisch ins Abseits. Nach dem preußisch-österreichischen Sieg im Krieg gegen Dänemark 1864 wollte Bismarck keinen neuen Mittelstaat in Schleswig-Holstein zulassen; Schleswig und Holstein wurden 1867 gegen den Widerstand des deutschgesinnten Augustenburger in Preussen eingegliedert, Friedrich sogar des Landes verwiesen.

Die Heirat 1881 seiner Tochter mit dem preußischen Thronfolger, dem späteren Kaiser Wilhelm II., sorgte aber – ausdrücklich mit der Billigung von Bismarck – für eine Versöhnung, und insofern war die Ehe von Wilhelm II. mit Auguste Victoria eng mit der Schleswig-Holstein-Frage verbunden.

Als Kaiserin war Auguste Victoria eine populäre Landesmutter, vor allem wegen ihrer sozialen Einstellung im Volk sehr beliebt – ein Idealbild als Gattin und Mutter von sieben Kindern auch nach dem verloren gegangenen Ersten Weltkrieg, als die deutsche Monarchie 1918 von den Siegermächten (Forderung „Hang the Kaiser“) als Preis für die deutsche Niederlage abgeschafft wurde. Victoria ging mit ihrem Mann ins Exil nach Holland, wo sie verbittert starb. Historiker haben inzwischen nachgewiesen, dass Viktoria zwar im Schatten ihres Mannes stand, jedoch zunehmend Einfluss auf seine Entscheidungen genommen hatte, jedenfalls weit mehr als bisher bekannt. Aus der einst verhöhnten Provinzialprinzessin – sogar als „holsteinische Kuh“ belächelt – war bis zu ihrem Tod eine mächtige Kaiserin geworden.

Die deutsche Minderheit in Dänemark ist, wie der Historiker Günther Weitling einst formulierte, eine „Geschichts-Minderheit“, entstanden durch historische Prozesse, nicht zuletzt durch die schleswig-holsteinische Geschichte, in der die Augustenburger gewiss eine wichtige Rolle gespielt haben. Viele deutschgesinnte Nordschleswiger kämpften und starben im Ersten Weltkrieg für Deutschland, weil Nordschleswig (Sønderjylland) seit 1864 Teil von Preußen, seit 1871 von Deutschland geworden war.

Welche Bedeutung für die deutschen Nordschleswiger ihre Kaiserin hatte, zeigte sich auch nach der Volksabstimmung 1920, die Nordschleswig mehrheitlich zu Dänemark führte. Nun regierten König Christian X. und Königin Alexandrine, aber die deutschen Frauen Nordschleswigs schickten ihrer Fürstentochter zur Beisetzung einen Kranz mit blau-weiß-roter Schleife, deren eine Seite die Inschrift trägt:

„Ihrer geliebten Kaiserin einen letzten Gruß aus der Heimat“, während die anderen Seite folgende Worte enthält: „Von deutschen Frauen aus dem abgetrennten Schleswig“.

Wie die „Neue Tondernsche Zeitung“ zu berichten wusste, haben die Städte Sonderburg und Augustenburg, die ja zu dem Fürstenhause, dem die Kaiserin entsprossen ist, in besonders enger Beziehung gestanden haben, ebenfalls einen Kranz an der Gruft der Kaiserin niederlegen lassen.

Wilhelm II. im Exil bekam nicht die Erlaubnis, an der Beisetzung seiner treuen Ehefrau teilzunehmen, doch Hunderttausende säumten die Straßen Berlins auf ihrem letzten Weg zum antiken Tempel in Potsdam. Nicht nur ganz Deutschland trauerte am 19. April 1921 um die „letzte Kaiserin“. Auch die Deutschen in Nordschleswig, dessen Verlust die heimattreue Auguste Victoria als eigenen Schmerz empfunden hatte.

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Cornelius von Tiedemann Stellv. Chefredakteur
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