Leitartikel

„Kontrollverlust beim Homo Shutdownenses“

Kontrollverlust beim Homo Shutdownenses

Kontrollverlust beim Homo Shutdownenses

Apenrade
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Bei „Nordschleswiger"-Redakteur Helge Möller werden im gefühlten Endlos-Shutdown Erinnerungen aus längst vergangenen Tagen wach.

Neulich, als ich wieder einmal in meinem Wohlfühlpullover den Arbeitstag allein zu Hause im Homeoffice verbrachte, da fiel mir eine Gesichte ein, die mir ein Wissenschaftler vom British Antartic Survey, dem Antarktischen Forschungsdienst Großbritanniens, erzählte, als wir mit dem Forschungsschiff Polarstern durchs Eis fuhren. Das ist schon etwas her, damals war Großbritannien noch EU-Mitglied und ich in der Blüte meiner Jugend.

Die Geschichte geht so (so ungefähr, es ist halt schon etwas her). Es gab einmal dieses britische Forschungsschiff, das auf seinem Weg in die Antarktis in so dichtes Eis geriet, dass ein Weiterkommen unmöglich war. Das Schiff sank nicht, das Eis umschloss es sanft, aber mit stetig festerem Griff, bis schließlich Stahl und Eis eins wurden.

In solchen Fällen hat eigentlich nur noch der Koch seinen normalen Arbeitstag, die Wissenschaftler hingegen, ihrer Arbeit beraubt, mussten sich die Zeit vertreiben. Nach und nach, erst unmerklich, dann immer deutlicher zutage tretend, bekam der geregelte Tag Risse. Die Natur machte es den Männern nicht leichter. Das Eis hielt sie fest. Es war immer hell. Wer sich einmal in diesen Gefilden aufgehalten hat, weiß, dass dort im antarktischen Sommer auch nicht immer die Sonne scheint, und es bei diesigem Wetter dann irgendwann passiert, dass man nicht mehr weiß, wie spät es ist. 16 Uhr am Nachmittag oder 4 Uhr morgens? Egal, wen kümmert das schon?

Das alles führte dazu, dass Aktivitäten wie Sportmachen, Lesen, Reden oder gar Essengehen eingestellt wurden, zu mühsam waren diese Dinge, im zähen Warten darauf, dass das Eis das Schiff freigab. Übrigens zu essen gab es genug, ich meine mich auch zu erinnern, dass ein Flugzeug bereitstand, Proviant abzuwerfen. Lebensgefahr drohte also nicht, nur tödliche Langeweile. Schließlich wurde auch die Bordbar nicht mehr aufgesucht, selbst das Trinken war zu anstrengend. Man verbrachte die endlos gleichen Tage im Bett – wie im Trance.

Mit dieser Geschichte vor Augen steht fest: Der Lieblingspullover im Dauer-Shutdown kann nur ein erster Anfang sein. Irgendwann, wenn draußen der Restschnee zu festem Packeis wird, und die Möwen sich in Pinguine verwandeln, wird die Jeans zur Jogginghose werden, das T-Shirt?, ach geht noch einen Tag – oder zwei oder ist auch egal.

„Wer eine Jogginghose trägt, hat die Kontrolle über sein Leben verloren“, sprach Karl Lagerfeld, recht hat er. Noch hält die Bastion Jeans, aber wie lange noch?

Vor einiger Zeit konnte ich beim Blick aus dem Fenster beobachten, wie eine Person im Schlafanzug und Schlappen zum Kiosk ging, um sich vermutlich mit dem Nötigsten zu versorgen.

Das ist die Zukunft des Homo Shutdownenses. Vor allem in Flensburg, wo die Daumenschrauben ab Sonnabend noch einmal deutlich angezogen werden.

Thomas Mann hingegen, so berichtete einmal die Wochenzeitung „Die Zeit“, soll bei der Arbeit Anzug und Fliege getragen haben. Kleidung, so die Essenz des Artikels, beeinflusst die Qualität unserer Arbeit. Na gut, ich kämpfe weiterhin gegen die Jogginghose an. Der Lieblingspulli bleibt aber.

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