Leitartikel

„Konsum um jeden Preis? Muss nicht!“

Konsum um jeden Preis? Muss nicht!

Konsum um jeden Preis? Muss nicht!

Apenrade/Aabenraa
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Dass zum Black Friday so viele Kreditanfragen laufen wie noch nie, stimmt Cornelius von Tiedemann nachdenklich, gerade weil doch dieses Jahr das eingefrorene Feriengeld ausgezahlt worden ist. Der Konjunktur tut es gut – aber ist das nachhaltig?

Das Schnäppchenjäger-Fest Black Friday zieht sich auch dieses Jahr wieder über mehrere Tage hin, auch das Wochenende wird also zum Konsumfest.

In dem Jahr, in dem viele sich ihr eingefrorenes Urlaubsgeld haben auszahlen lassen, ist mit besonders hohen Umsätzen zu rechnen. Doch nicht nur deshalb.

Das Geld, das angefallen war, nachdem die Urlaubszeitregelung in Dänemark auf EU-Standard umgestellt worden ist, reicht vielen nämlich offenbar nicht aus, um den Konsumrausch einen Monat vor Weihnachten zu bedienen.

Wie zum Beispiel die Datenanalytiker der Firma Experian mitteilen, haben überraschend viele Privatpersonen dieses Jahr rechtzeitig zum Black Friday einen Kredit beantragt.

Das könnte auch damit zusammenhängen, dass wir im Corona-Jahr 2020 viel mehr im Internet erledigen als sonst. Und vielleicht fällt es uns ja leichter, digital mal eben schnell einen Kredit oder eine Ratenzahlung einzugehen, als es uns fallen würde, wenn wir im Laden mit einem Verkäufer sprechen und ein Formular unterschreiben müssten.

Ob es wirklich eine schlaue Idee ist, sich für vergängliche Konsumprodukte zu verschulden – oder ob es vielleicht schlauer wäre, entweder sein Einkommen an den Lebensstil oder seinen Lebensstil an das Einkommen anzupassen, sei jedem selbst überlassen. Der Konjunktur wird es jedenfalls guttun.

Die gute Nachricht bei all dem ist hoffentlich, dass die Schlangen an den Kassen der Läden dieses Jahr nicht so lang werden wie sonst. Denn trotz Maske und Desinfektion können da unkontrollierbare Infektionsherde entstehen. Die Regierung hat den Einzelhandel dazu aufgefordert, dieses Jahr auf begrenzte Angebote, für die man sich anstellen muss, zu verzichten. Hoffen wir, dass sich alle daran halten.

Es ist naturgemäß schwer, auf die Einnahmen, die so eine Lock-Aktion mit sich führen kann, zu verzichten. Gerade wenn ohnehin ein Großteil des Konsums ins Netz wechselt.

Doch da gilt, was die dänische EU-Kommissarin für Wettbewerb und Digitales, Margrethe Vestager (Radikale Venstre) schon vor einer ganzen Weile festgestellt hat: „Heute gibt es zwei Arten von Unternehmen: Solche, die digital sind und solche, die digital werden. Von den Unternehmen, die keiner der beiden Arten angehören, werden wir in Zukunft nicht mehr viel hören.“

So sieht es aus – und Corona und der Black Friday sind Katalysatoren dieser Entwicklung. Da sie unabwendbar ist, nützt es nichts, sie bekämpfen zu wollen. Stattdessen sollte sie aktiv mitgestalten und zum eigenen Vorteil nutzen, wer auch in Zukunft im Einzelhandel Geld verdienen will.

In Dänemark haben wir zum Glück eine sehr progressive Haltung sowohl bei den Unternehmen als auch bei den Kunden. Wenn Letztere nun auch noch darauf achten, sich zum Black Friday nicht von Online-Betrügern hereinlegen zu lassen, dann steht einem sicheren vorweihnachtlichen Konsum nichts mehr im Wege.

Und allen, die sich und anderen mehr kaufen wollen, als sie sich leisten können, seien folgende weisen Worte meiner seligen Großmutter mit auf den Weg gegeben: Muss nicht.

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