Leitartikel

„Her mit dem Wort-Booster!“

Her mit dem Wort-Booster!

Her mit dem Wort-Booster!

Apenrade/Aabenraa
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Mit Blick auf den „Wellenbrecher" aus dem vergangenen Jahr macht sich „Nordschleswiger"-Redakteur Helge Möller Gedanken, wie das Wort des Jahres 2022 wohl heißen wird.

Es ist noch gar nicht so lange her, dass der an bundesrepublikanischen Neuigkeiten Interessierte sich den 3. Dezember 2021 notierte. Da meldete unter anderem die Nachrichtensendung „heute“ das Wort des Jahres: Es lautet „Wellenbrecher“.

Genau zu der Zeit, als dem Großteil der Impfwilligen in Deutschland, in Dänemark, in ganz Europa und überall dort, wo es genug Impfstoff gab und gibt, klar wurde, dass zwei Impfungen gegen das Coronavirus nicht reichen werden und die ganze Sache, oder besser Seuche, nicht erledigt ist. Schlimmer noch, nicht nur Impfwillige nahmen resignierend zur Kenntnis, dass Mutter Natur ein neues Ass aus dem Ärmel gezaubert hatte, welches die WHO Omikron taufte. Wobei Impfwillige auch ein ernstzunehmender Wort-Kandidat wäre.

Um sich nun doch nicht anzustecken, oder wenn doch, nicht ganz so schlimm, hilft boostern, also eine Auffrischung der Impfung. Denn auch das mussten wir lernen, ihre Wirkung hält nicht ewig. Wenn es nicht so englisch wäre, wäre es ein Wort des Jahres. Obwohl, ein Blick auf die Liste der Preisträger verrät, es soll wohl gern ein Substantiv sein, also Booster. Dabei ist das Verb doch irgendwie kraftvoller. Spritze rein und geboostert, das hört sich nach ultimativer Kraft an, prall und rund, wie ein schwarz-weißer Fußball in einem proppenvollen Stadion mit Zuschauerinnen und Zuschauern, dicht an dicht gedrängt, jubelnd oder anschreiend, je nachdem.

Und wer weiß, ob es das erste und letzte Boostern war oder ob es zu weiteren Boosterungen kommen wird. Noch mit der einen Hand boosternd, trank der Arzt mit der anderen einen belebenden Mokka. Ach nein, falsches Bild, da ist ja der Mundschutz im Weg.

Nur: Bereits 2020 war die Corona-Pandemie Wortgeber mit: Corona-Pandemie. Und auch Dänemarks Sprachausschuss zog Ende 2021 mit Blick auf die vergangenen zwölf Monate mit dem Wort des Jahres „Coronapas“ den Schluss, dass die Pandemie auch Dänemark sprachlich dominierte.

Wie es wohl sein wird, wenn in diesem Jahr die Tage erst einmal länger, dann wieder kürzer werden und schließlich sehr kurz sind. Welches Thema wird die Menschen so beschäftigt haben, dass Wörter mutieren, rein vom Sinn oder auch von der Ausstattung mit Buchstaben betrachtet. Und etwas Neues entsteht, etwas, was ein ganzes Jahr in einem Wort auf den Punkt bringt.

Eine weitere Corona-Neuschöpfung gern nicht. „Wellenbrecher“ oder „Coronapas“ sind ja nicht die packendsten Begriffe, zumindest kein Vergleich zu „Postfaktisch“ aus dem Jahr 2016 oder „Wutbürger“ aus dem Jahr 2010. Mal abgesehen davon, dass wir uns alle wohl nach anderen Begriffen sehnen. Zu hoffen bleibt, dass keine neue Apokalypse dem Jahr den verbalen Stempel aufdrückt.

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