Leitartikel

„Gewohnt normal oder ungewohnt normal?“

Gewohnt normal oder ungewohnt normal?

Gewohnt normal oder ungewohnt normal?

Apenrade/Aabenraa
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Die Politik beeinflusst die Kultur, den Umgang miteinander. Woran man das zurzeit sehen kann, erläutert „Nordschleswiger"-Journalist Helge Möller.

Schon seltsam, wie politische Entscheidungen Einfluss auf unser Handeln haben, wie sie den Umgang miteinander beeinflussen, wie sie daran teilhaben, dass sich in verschiedenen Ländern verschiedene Mentalitäten herausbilden.

Vor Dienstbeginn in Dänemark besuchte ich ein Geschäft auf deutscher Seite. Als der Handel beinahe getätigt war, traf ich einen ehemaligen Arbeitskollegen und gab ihm die Hand, aus einem inneren Impuls heraus, als hätte ich die vergangenen Monate, bald sind es zwei Jahre, vergessen.

Mein Gegenüber zögerte, nahm die Hand aber an, und etwas betreten fiel mir ein, dass man sich das Händegeben in Deutschland ja seit Beginn der Corona-Pandemie abgewöhnt hatte.

Dann ging es mit der Einkaufstüte im Auto am Mittag über die Grenze. Als am Abend in Tingleff die Delegiertenversammlung des Bundes Deutscher Nordschleswiger begann, blieb der Mund-Nasen-Schutz im Auto. So zwei oder drei Sekunden zögerte ich, ob ich ihn nicht doch mitzunehmen sollte. Aber dort, in der Aula der Nachschule, so wurde mir vorab bereits versichert, trüge niemand solch einen Mundschutz.

Also ohne Mundschutz rein, und dann kam das Zögern. Hände schütteln? Einige Stunden vorher war es meinem Gegenüber offenbar unangenehm gewesen.

Was tun? Wird es als unhöflich erachtet, nicht die Hand zu geben? Nun, es wurden reichlich Hände geschüttelt, und Masken sah man keine. Es war verwirrend, schnellte meine Hand am Vormittag noch voreilig zum ehemaligen Arbeitskollegen, zögerte sie nun. Hier in Tingleff war alles so ungewohnt normal. Oder war es doch eher gewohnt normal?

Vom gewohnt oder ungewohnten Händedruck zurück zur Maske: Während ich mich frage, wie es wohl irgendwann mal sein wird, wenn ich in Deutschland einen Supermarkt ohne Maske betrete, ist dies in Dänemark bereits üblich. Wenn ich nun beim Shoppen in Dänemark nicht auf sie verzichten will, weil ich mich an sie gewöhnt habe und sie mir Sicherheit gibt, werde ich dann hier schräg angeschaut? Ach, wäre es doch alles überall nur normal, ob gewohnt oder ungewohnt.

Als Pendler muss man beim Grenzübertritt nicht nur sein Mobiltelefon oder andere Corona-Nachweise zücken, sondern nach dem Passieren des Wachhäuschens auch eine andere Corona-Mentalität anlegen, die letztlich die Politik vorgibt. Deren Pflicht es ja auch ist, eine Krise zu managen und Richtlinien herauszugeben.

Dänemark sieht das Coronavirus nicht mehr als gesellschaftsbedrohendes Virus an, weil die Impfkampagne gut vorankommt, diese liegt um mehr als 10 Prozentpunkte höher als die in Deutschland. Doch welche Strategie, die vorsichtige oder die mutigere, die bessere ist, das müssen wir wohl, wie in den vergangenen Monaten auch, abwarten. Bis dahin müssen die Pendler an der Grenze täglich die Corona-Mentalität tauschen.

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