Leitartikel

„Gewogen, geschätzt und gemessen“

Gewogen, geschätzt und gemessen

Gewogen, geschätzt und gemessen

Apenrade/Aabenraa
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BT schreibt in der Sonnabendsausgabe, dass die Politiker keine Erfahrung aus dem Arbeitsleben haben. Aber am Ende zählt nicht das Geschlecht, nicht das Alter und nicht die Erwerbstätigkeit, sondern die politischen Ergebnisse. Und die können wir nicht vorab messen, meint Chefredakteur Gwyn Nissen.

Die neue Regierung Dänemarks hat nicht mal richtig die Arbeit aufgenommen, da wird sie schon von allen Seiten gewogen, geschätzt und gemessen. Von Kommentatoren, politischen Gegnern, Medien und gefühlt vom gesamten Land, denn alle sind natürlich gespannt. Wo führt uns die neue Regierung hin?

Zugegebenermaßen auch an dieser Stelle haben wir uns bereits mit der Zusammensetzung der Regierung befasst und die Regierungschefin Mette Frederiksen für ihr fehlendes Gespür für die Gleichberechtigung kritisiert. Es sind nur sieben Ministerinnen in ihrem 20-köpfigen Kabinett.

BT schreibt in der Sonnabendausgabe, dass die Politiker keine Erfahrung aus dem Arbeitsleben haben – sie haben sich vor allem mit Politik beschäftigt. Finanzminister Nicolai Wammen war noch nie auf dem „richtigen“ Arbeitsmarkt und auch andere Minister waren nur zwei bis vier Jahre in einem Job – dann zog es sie in die Politik.

In der Arbeiterpartei gibt es nur drei richtige Arbeiter: der Elektriker Benny Engelbrecht mit 23 Jahren auf dem Arbeitsmarkt, der Maurer Mattias Tesfaye, der es auf 14 Jahre außerhalb der Politik bringt, und die Supermarkt-Kassiererin Trine Bramsen, ebenfalls 14 Jahre.

Neben Geschlecht und Arbeiter-Hintergrund, ist die Regierung auch schon am Durchschnittsalter gemessen worden. Mette Frederiksen hat eine junge Regierung gesammelt: Durchschnittsalter 42 Jahre. Der älteste Politiker, Mogens Jensen, ist lediglich 55 Jahre alt.

Eine tolle junge Truppe? Oder eine Regierung ohne Erfahrung, ohne den Mut, auch Politiker im hohen Alter einen Platz an der Macht zu geben? Trumps größte Herausforderer sind Joe Biden und Bernie Sanders mit 76 und 77 Jahren.

Muss man Rentner sein, um gute Rentenpolitik zu machen? Kann man gute Lösungen für den Arbeitsmarkt finden, obwohl man selber nicht gearbeitet hat? Kann man auch als junger Mensch politische Erfahrung haben?

Am Ende zählt nicht das Geschlecht (obwohl wir in der Hinsicht weiterhin der Meinung sind, dass Frederiksen eine bessere Balance hätte finden müssen), nicht das Alter und nicht die Erwerbstätigkeit, sondern die politischen Ergebnisse. Und die können wir nicht vorab messen, schätzen oder abwiegen. Die Regierung soll erst einmal ihre Arbeit aufnehmen – dann können wir ein Urteil über ihre Arbeit fällen. Vorher ist das mit Statistik in der Hand nicht möglich – und auch nicht fair.

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