Leitartikel

„Freiraum Stadion“

„Freiraum Stadion“

„Freiraum Stadion“

Apenrade/Aabenraa
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Eine moderne Gesellschaft verändert sich stets. Was früher möglich war, ist heute nicht mehr drin – und umgekehrt. Moral macht vor den Stadiontoren eben nicht halt, meint Chefredakteur Gwyn Nissen.

Darf man sich im Fußballstadion anders benehmen als auf der Straße? Gelten in der Eishockey-Arena andere gesellschaftliche Regeln als draußen vor? Ist die Handballhalle ein Freiraum, in der es andere Moralbegriffe gibt?

Die kurze Antwort: Nein. Die Realität war bisher allerdings eine andere, wie es in dieser Woche deutlich wurde: Viktor Fischer startete eine längst fällige Debatte im dänischen Sport, nachdem der Kopenhagener Fußballer bereits zum zweiten Mal in dieser Saison in Odense Opfer von Schmährufen und Gesängen wurde: „Viktor Fischer ist Homo“. Fischer äußerte sich dazu kritisch im Fernsehen und erntete dafür viel Lob von Nationalmannschaftskameraden und dem dänischen Fußballverband DBU – aber eben auch kritische Bemerkungen wie: das gehöre im Sport dazu und damit müsse ein Sportler leben. Emotionen und Leidenschaft kämen dadurch zum Ausdruck und das Stadion lebe von dieser Rivalität, so die Argumente und der Versuch, dem Sport einen steinzeitlichen Freiraum zu geben.

Eine moderne Gesellschaft verändert sich stets. Was früher möglich war, ist heute nicht mehr drin – und umgekehrt. Moral macht vor den Stadiontoren eben nicht halt. Was in dänischen Stadien und Arenen noch akzeptiert wird, wird anderswo angesprochen und unterbunden. Deutsche Klubs wie zum Beispiel St. Pauli, SC Freiburg und Werder Bremen sind unlängst gegen Sexismus und Rassismus im Stadion angegangen. Mit Haltung und modernen gesellschaftlichen Werten.

Das Fußballstadion oder die Eishockey-Arena sind kein Freiraum, in dem man die gesellschaftlichen und moralischen Regeln einfach außer Kraft setzen kann: Was vor dem Stadion keine gesellschaftliche Akzeptanz hat, ist auch auf den Zuschauerrängen nicht in Ordnung. Und das hat nichts mit politischer Korrektheit zu tun – sonder es ist eine Frage des Anstandes.

Ein guter Selbsttest ist dabei immer, zu fragen, ob man es einem anderen direkte ins Gesicht sagen oder auf der Straße zurufen würde. Wird der Sport dadurch langweiliger? Verschwinden die Emotionen von den Zuschauerrängen und ist mit der Rivalität Schluss? Niemals. Aber homophobische und sexistische Zurufe sollten – dank des Mutes von Viktor Fischer – ein Ende gefunden haben. Jetzt müssen die Vereine und Fanclubs nur noch nachziehen. Wer macht in Dänemark den ersten notwendigen Schritt?

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