Leitartikel

Europa ganz lokal

Cornelius von Tiedemann
Cornelius von Tiedemann Stellv. Chefredakteur
Apenrade/Aabenraa
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Foto: Scanpix

Viele große und kleine Unternehmen freuen sich über die EU-Zuwanderer, die in vielen Fällen die Produktion sichern und oftmals auch bereit sind, für weniger Geld und unter schwereren Bedingungen zu arbeiten als dänische Arbeitnehmer. Doch diese Unternehmen stehen auch in der Verantwortung, ihre Mitarbeiter zu aktivem Bürgertum zu motivieren, meint Cornelius von Tiedemann.

Am 21. November können wir wählen, wer uns in Kommune und Region politisch vertritt. Auch alle EU-Bürger, die hier leben, dürfen mitbestimmen, wie ihr Lebensumfeld die kommenden Jahre verwaltet und gestaltet wird. Kürzlich war, auch in dieser Zeitung, zu lesen, dass viele EU-Ausländer von ihrem Wahlrecht keinen Gebrauch machen. In vielen Fällen fühlen sie sich offenbar nicht zugehörig, nicht heimisch und somit auch nicht in der Verantwortung in Dänemark – sehen sich im wahrsten Sinne als „Gast-Arbeiter“. Das ist bedauernswert.

Gut ist, dass der Rat für ethnische Minderheiten sich des Problems bewusst ist und die betreffenden Mitbürger dazu anregen will, sich über die hiesige Kommunalpolitik zu informieren. Noch schöner wäre es natürlich, wenn dieses Interesse in noch höherem Maße von diesen potenziellen Wählern selbst ausgehen würde. Die Abgabe der Stimme bei Wahlen ist schließlich auch Ausdruck des Willens, sich in einer Gesellschaft zu integrieren – und Europa nicht nur zu nutzen, sondern auch mitzugestalten.

Doch jammern hilft wie immer auch hier nicht. Stattdessen sollten die Ärmel hochgekrempelt werden. Es ist nämlich im Interesse aller, sich dafür einzusetzen, dass diese Zehntausenden Menschen sich in Dänemark von Anfang an nicht als Fremde fühlen – und sich nicht als Fremde benehmen.
Immer wieder zeigt sich doch, dass Menschen, die eigentlich nur mit der Absicht kamen, ein paar Jahre lang im „Ausland“ zu arbeiten, doch länger bleiben, vielfach für immer. Wenn sich da das Gefühl des Fremdseins schon früh verfestigt, ist es um die Integration geschehen – und ein erheblicher Mehrwert für die (lokale) Gemeinschaft und für die Einzelnen verspielt.

Viele große und kleine Unternehmen, auch in den Kommunen Nordschleswigs, freuen sich über die EU-Zuwanderer, fordern sie aktiv, sichern sie doch in vielen Fällen die Produktion, bringen Know-how mit und, auch das ist Teil der Wahrheit, sind oftmals auch bereit, für weniger Geld und unter schwereren Bedingungen zu arbeiten als dänische Arbeitnehmer. Auch diese Unternehmen stehen in der Verantwortung, ihre Mitarbeiter zu aktivem Bürgertum zu motivieren. Gewerkschaften haben, im eigenen Interesse, bereits damit begonnen, auf sie zuzugehen. Auch die Parteien könnten dies in noch stärkerem Maße tun.

„Deine Meinung ist gefragt, deine Stimme zählt“ – das ist zwar auch heute schon theoretisch Realität, doch es wird noch zu selten ausdrücklich so gesagt.

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