Kommentar

Es ist kein Platz mehr am Himmel

Gwyn Nissen
Gwyn Nissen Chefredakteur
Apenrade/Aabenraa
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Foto: Volker Heesch

Zweihundert 30 bis 35 Meter hohe Strommasten von Esbjerg bis an die Grenze: Die Bürger brauchen sich keine großen Hoffnungen machen. Es gehe nämlich nicht darum, ob eine Luftleitung kommt, sondern wo sie verlaufen wird. Der Kampf gegen Luftleitungen wurde bereits 2016 im Folketing entschieden. Hätten die Betroffenen in Nordschleswig dies damals gewusst, hätte ihr Protest vielleicht bessere Chancen gehabt, meint Chefredakteur Gwyn Nissen.

Wir benötigen alle Strom. Sonst steht in unserer Gesellschaft alles still: Supermärkte, die Lebensmittelproduktion, Tankstellen, Kühlschränke, Wärmeanlagen, Gefriertruhen, Herde, Handys, Fernseher und Computer: Wir würden es keine zwei Tage ohne Strom aushalten.

Dänemark ist, was Strom angeht europaweit vernetzt, und das ist auch gut so: Können Sie sich an den letzten Stromausfall erinnern? Nicht wahr, sie kommen kaum darauf, weil die Stromversorgung in Dänemark international auf höchstem Niveau liegt. Wussten sie etwa, dass zum Beispiel amerikanische Großstädte immer wieder Stromausfälle erleben? Für uns ist es dagegen eine Selbstverständlichkeit, dass das Licht angeht, wenn wir den Schalter drücken.

Am liebsten wollen wir grünen Strom von Windrädern oder Photovoltaikanlagen. Was wir dabei aber oft vergessen, ist, dass zur Windenergie auch große Windräder gehören und dass Strom auch transportiert werden muss – denn wenn der Wind nicht weht und die Sonne nicht scheint, bekommen wir den Strom aus unseren Nachbarländern, zum Beispiel aus Norwegen oder Deutschland.

Und genau dort scheiden sich die Geister, denn bei einigen Bürgern stehen Windräder und Strommasten praktisch in Nachbars Garten. Neben Windrädern über hundert Metern Höhe steht die nordschleswigsche Westküste jetzt vor der Errichtung von zweihundert 30 bis 35 Meter hohen Strommasten von Esbjerg bis an die Grenze.

Bürger, Bürgermeister und lokale Folketingsmitglieder protestieren gegen die Masten: An der Westküste ist am Himmel kein Platz mehr. Sie wollen, dass Netzbetreiber Energinet die neue 400-kV-Leitung vergräbt. Aber das ist zu teuer, und deshalb hat das Folketing 2016 beschlossen, dass die „dicken Kabel“ als Freileitungen errichtet werden dürfen. Unter anderem mit dem Argument, dass es für die Stromverbraucher günstiger sei.

Derzeit trifft sich Energinet mit betroffenen Bürgern, doch die brauchen sich keine großen Hoffnungen machen: Es geht nämlich nicht darum, ob eine Luftleitung kommt, sondern wo sie verlaufen wird. Der Kampf gegen Luftleitungen wurde bereits 2016 im Folketing entschieden. Das hätten die Bürger in Nordschleswig gerne gewusst – vielleicht hätte ihr Protest damals bessere Chancen gehabt.

Die Hoffnung stirbt zuletzt, aber realistisch geschehen zeichnen sich am Himmel neue Strommonster ab. Keine schönen Aussichten.

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