Leitartikel

„Emil(ie) und die Detektive “

Emil(ie) und die Detektive

Emil(ie) und die Detektive

Siegfried Matlok
Siegfried Matlok Senior-Korrespondent
Apenrade/Aabenraa
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Natürlich sind in Einzelfällen Überwachungskameras vonnöten. Aber wie wäre es, wenn die Polizei, deren Etatmittel fast unbegrenzt erhöht werden, sich einmal selbstkritisch auf den Prüfstand stellt, um jene Aufgaben besser zu lösen, die der Bürger und Steuerzahler von seiner Polizei berechtigterweise erwarten kann, meint Siegfried Matlok.

Der 1929 erschienene Roman von Erich Kästner „Emil und die Detektive“ ist ein Klassiker, auch voller Humor. Die Geschichte „Emilie und die Detektive“ ist hingegen leider, leider tragische Wirklichkeit 2019. Es handelt sich um den bisher unaufgeklärten Mord der damals 17-jährigen Emilie Meng aus Korsør, die am 10. Juli 2016 nachts auf dem Heimweg vom Bahnhof spurlos verschwand und deren Leiche fünf Monate später rund 60 Kilometer entfernt im seeländischen Borup aufgefunden wurde.

Dass ein Mord nicht sofort aufgeklärt wird, ist trotz hoher Aufklärungsquote nicht so selten der Fall, aber hier geht es nicht um die Täter, sondern um die Detektive – lies, Polizei. Eine Dokumentation des Dänischen Fernsehens hat so schwerwiegende, haarsträubende Fehler der Ermittlungsbehörde entlarvt, dass nicht nur die Mutter von Emilie Meng erhebliche Zweifel daran hat, dass der/die Mörder noch gefasst werden können.

Wichtige Zeugen wurden offenbar nicht gleich vernommen, und Überwachungskameras entlang des möglichen Tatortes und der in der Nähe gelegenen Autobahn weckten erst spät das Interesse der Polizei, zu spät, denn da waren die Daten – wie gesetzlich vorgeschrieben – bereits gelöscht. Nun wird sogar gegen zwei Kriminalbeamte ermittelt, die Nachbarn eines angeblichen Verdächtigen in Korsør dazu ermuntert haben, in ihrer Nachbarwohnung einen Lauschangriff gegen den Verdächtigen durchzuführen, obwohl dies natürlich gegen jedes Gesetz verstößt.

Nun sollte man eine Dokumentation von „Danmarks Radio“ nicht von vornherein als Wahrheitsserum schlucken, aber da die Polizei-Verantwortlichen diese Pannen inzwischen selbst gestanden haben, besteht schon Anlass, danach zu fragen, ob daraus nicht auch personelle Konsequenzen zu ziehen sind. Man kann sich kaum vorstellen, wie schwer die Mutter von Emilie mit solchen Informationen leben kann. Der Fall Emilie Meng zwingt aber auch zu aktuellem Nachdenken.

In Dänemark gibt es rund 1,5 Millionen Überwachungskameras – das entspricht einer Kamera für jeden vierten Bürger, und die Dänen sind in der westlichen Welt angeblich sogar die am meisten überwachten Bürger (!) –, doch die sozialdemokratische Regierung will nun angesichts der so aus Schweden nach Kopenhagen eingedrungenen Bomben-Kriminalität in einem sogenannten Sicherheitspaket die Zahl der Überwachungskameras landesweit noch um 300 erhöhen, ein Register erstellen, das alle Überwachungskameras „erfasst“, und private Bürger dazu zwingen können, der Polizei ohne gerichtliche Kontrolle ihre Videoaufnahmen zur Verfügung zu stellen.

Gleichzeitig sollen die Überwachungskameras statt nach 30 Tagen künftig erst nach 60 Tagen gelöscht werden, was immerhin im Falle Emilie Meng vielleicht doch noch zu einer wichtigen Spur hätte führen können.
Das alles soll dem Bürger das Gefühl von mehr Sicherheit vermitteln, aber was bleibt gesellschaftspolitisch im Sinne der Freiheit des Einzelnen dann auf der Strecke? Demokratische Grundwerte drohen dadurch untergraben zu werden. Die Politik sollte sich reiflich überlegen, ob dieser Weg richtig und alternativlos ist. Natürlich wird Dänemark deshalb kein Überwachungsstaat, wie wir ihn aus Diktaturen kennen, aber es wird eine andere Gesellschaft, die „Orwell 1984“ leider ad absurdum führt.

Um nicht missverstanden zu werden: Natürlich sind in Einzelfällen (Terror etc.) Überwachungskameras vonnöten. Aber wie wäre es, wenn die Polizei, deren Etatmittel fast unbegrenzt erhöht werden, sich einmal selbstkritisch auf den Prüfstand stellt, um jene Aufgaben besser zu lösen, die der Bürger und Steuerzahler von seiner Polizei berechtigterweise erwarten kann. Wie die Mutter von Emilie Meng, die bisher vergeblich auf eine Ergreifung hofft.

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