Leitartikel

„Emanzipation 2020“

Emanzipation 2020

Emanzipation 2020

Apenrade/Aabenraa
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Cornelius von Tiedemann blickt auf ein Jahr Gleichstellungspolitik in der deutschen Minderheit zurück – und ist gespannt auf das, was noch kommt.

Vor einem Jahr haben wir uns, relativ spontan, in der Redaktion dazu entschieden, uns für den Internationalen Frauenkampftag in „Die Nordschleswigerin“ umzubenennen. Das wollen wir online in Zukunft auch wieder machen. Dieses Jahr nutzen wir den Tag aber für einen inhaltlichen Rückblick. Etwas lapidar gesagt auf „ein Jahr Frauenkampf in Nordschleswig“.

Tatsächlich ist die deutsche Minderheit natürlich von der weltweiten Entwicklung nicht abgeschnitten und dies auch nicht gewesen. Zumindest das Hörensagen hat Mitte des 19. Jahrhunderts die erste Welle der Frauenrechtsbewegung auch zu uns nach Nordschleswig getragen. Doch in der Minderheit als solcher (die ja auch erst seit 1920 besteht), der institutionalisierten Minderheit sozusagen, hat es bis zum Anstoß durch die „Nordschleswigerin“ offenbar (man belehre mich gerne eines Besseren) keine umfassende Beschäftigung mit dem Thema Gleichstellung gegeben – davon, dass die Verbände sich naturgemäß an geltende Gesetze und Gepflogenheiten anzupassen hatten, einmal abgesehen.

Natürlich sollen hier nichtsdestotrotz auch alle Frauen gewürdigt werden, die schon früher um Anerkennung gekämpft haben – oder die durch ihren Einsatz, vielleicht auch ganz ohne explizit feministisch beflügelte Hintergedanken, Lanzen für Frauen auch in nicht traditionell weiblich besetzten Verantwortungspositionen gebrochen haben. Die gesamte Minderheit hat auch einer Reihe von Frauen und ihrem Einsatz viel zu verdanken.

Seit vergangenem März aber sei besonders viel auch nach innen passiert, sagt Ruth Candussi, Parteisekretärin der Schleswigschen Partei und Motor der Gleichstellungsdebatte in der Minderheit, in deren Hauptvorstand 10 von 14 Plätzen mit Männern besetzt sind.

„Frauen in der Minderheit in der Minderheit“, titelten wir damals. Rein zahlentechnisch hat sich seither auf Führungsebene nichts getan. Aber Prozesse sind ins Rollen gekommen. Allein, dass das Thema Gleichstellung besprochen wird, in einer Arbeitsgemeinschaft und überall in den Verbänden, wird Früchte tragen. Auch jene, die kritisch sind oder es ins Lächerliche ziehen, müssen sich doch damit auseinandersetzen. Und im Großen und Ganzen, so das Feedback aus den Verbänden, gibt es wenig Widerstände und viel Interesse.

Einen Mangel an Frauen in Führungspositionen gibt es aber dennoch weiterhin. Vielleicht auch deshalb, weil Familienmuster in Nordschleswig, in der Minderheit, noch andere sind als anderswo? Weil Frauen, so altbacken das klingt, in Nordschleswig nach und neben der Arbeit noch mehr „häuslich gebunden“ sind als anderswo? Oder weil sie keine Lust haben, sich in einem von Männern dominierten Umfeld durchzusetzen – und geben sich diese noch so progressiv und aufgeschlossen?

Vieles ist noch Spekulation. Doch Ruth Candussi und die anderen, die am Ball bleiben, werden hoffentlich Antworten finden – und Lösungen anbieten. Wie genau diese aussehen sollen, ob, und wenn ja, welche Maßnahmen ergriffen werden und ob sie nützen – das werden wir in den kommenden Jahren beobachten und immer wieder hinterfragen. Als „Nordschleswigerin“ – und als „Nordschleswiger“.

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