Leitartikel

Danmarks Radio biegt – zu spät – ab

Gwyn Nissen
Gwyn Nissen Chefredakteur
Apenrade/Aabenraa
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Der Hauptsitz von Danmarks Radio (DR) in Kopenhagen. Foto: Scanpix

Im Großen und Ganzen sind die Dänen mit dem öffentlich-rechtlichen TV-Sender Danmarks Radio (DR) zufrieden. Doch DR scheint zu spät abgebogen zu sein, meint Gwyn Nissen. Ihm zufolge könnte eine neue Medienvereinbarung in einem DR-Blutbad enden.

Die Glaubwürdigkeit und das Image des öffentlich-rechtlichen Senders Danmarks Radio erzielten schon immer gute Werte. Die Dänen sind im Großen und Ganzen mit ihrem TV-Sender zufrieden – bis auf die vielen Wiederholungen im Sommer. Dennoch sind die Zuschauer- und Zuhörerzahlen in den vergangenen Jahren gefallen: Die Konkurrenz aus dem Privatfernsehen, der Bedarf an 24-Stunden-Fernsehen und der Trend zum Streamen aus dem Internet setzt DR mächtig unter Druck.

Gleichzeitig mit dem Konkurrenzkampf muss Danmarks Radio als öffentlicher Dienstleister auch Public Service liefern und Bereiche abdecken, die bei der breiten Zuschauermasse nicht so beliebt sind, zum Beispiel Kirche, Kultur, kleinere Sportarten. Dafür erhält Danmarks Radio die Fernsehgebühren in Höhe von 3,7 Milliarden Kronen jährlich.

Aber auch an einer weiteren Front muss Danmarks Radio schon seit jeher kämpfen: Die Politiker, die dem größten Medienunternehmen im Land die Gelder bewilligen, haben auch Meinungen, Wünsche und Kritik, die sie fast täglich – in anderen Medien – loswerden. Die Kritik ist lauter geworden, denn nächstes Jahr werden die Politiker im Folketing eine neue mehrjährige Medienvereinbarung treffen, und derzeit scheinen alle DRs Haushalt reduzieren zu wollen.

Um dem zuvorzukommen, präsentierte DR jetzt einen neuen Plan und biegt sozusagen vom bisherigen Weg ab: Die meistgeliebte (und meistgehasste) Sendung X-Faktor wird 2018 abgesetzt. Statt Pop und englischsprachige Sendungen setzt DR mehr auf klassischen Public Service, präsentiert mehr Kultur, darunter ein neues Buchprogramm, Sendungen mit dänischen Verfassern und ein wöchentliches Kulturprogramm. Das sieht wie ein Kniefall vor der Dänischen Volkspartei aus, genauso wie eine Sparrunde in Höhe von 100 Millionen Kronen anderen Kritikern zeigen soll, dass DR durchaus selbstkritisch ist. Schließlich will der öffentlich-rechtliche Sender weniger Nachrichten ins Internet stellen, um so nicht die privaten Akteure, darunter die Tageszeitungen, zu verärgern.

Danmarks Radio scheint weiche Knie bekommen zu haben und es allen Kritikern recht machen zu wollen. Doch in Wirklichkeit schwächt sich DR nur selbst und macht sich weiterhin angreifbar. Die Angriffslust der Politik ist damit nämlich nicht gestillt. DR scheint zu spät abgebogen zu sein: Die neue Medienvereinbarung kann aufgrund der zu späten Selbsteinschätzung mit einem DR-Blutbad enden.

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