Leitartikel

In Dankbarkeit an Kohl

Siegfried Matlok
Siegfried Matlok Senior-Korrespondent
Apenrade/Aabenraa
Zuletzt aktualisiert um:
Bundeskanzler Helmut Kohl bei seiner Vereidigung 1982. Foto: dpa

Siegfried Matlok schreibt im Leitartikel einen persönlichen Nachruf auf den kürzlich verstorbenen ehemaligen Bundeskanzler Helmut Kohl. Dieser hat Europa besser gemacht – für Mehrheiten und Minderheiten, so Matlok.

Siegfried Matlok schreibt im Leitartikel einen persönlichen Nachruf auf den kürzlich verstorbenen ehemaligen Bundeskanzler Helmut Kohl. Dieser hat Europa besser gemacht – für Mehrheiten und Minderheiten, so Matlok.

Der Nachruf auf den kürzlich verstorbenen ehemaligen Bundeskanzler Helmut Kohl muss mit einer persönlichen Entschuldigung beginnen! In den 70’er Jahren – der Mann aus Oggersheim war gerade zum CDU-Bundesvorsitzenden gewählt worden – nahm ich an einem Hintergrundgespräch der Presse mit Kohl in Flensburg teil, und ich erinnere, wie ich, zweifelnd wie viele meiner Berufskollegen, dem damals so umstrittenen Dr. Kohl die Frage stellte, wie lange er den CDU-Vorsitz werde behaupten können. Wie ich haben sich so viele geirrt, glücklicherweise! Kohl wurde Bundeskanzler und ihm gelang – durch die Fügung der Geschichte, wie er es wohl formuliert hätte – die glückliche Wiedervereinigung der beiden deutschen Staaten, die für die Generation nach 1945 völlig unerreichbar schien. Und er verstand die deutsche Einheit nie als Kehrseite der Medaille, sondern stets als Teil des europäischen Einigungswerkes, dem er sich bis zu seinem Tode verpflichtet fühlte. Das ist sein politisches Erbe; nicht nur für die Nachfolger!

Der Staatsmann Kohl soll hier unter dem deutsch-dänischen Blickwinkel beleuchtet werden: Poul Schlüter, sein konservativer Regierungskollege in der EU, hat ihm nach dessen Tod bescheinigt, „Dänemark mehrfach geholfen zu haben“, und Schlüters Außenminister Uffe Ellemann-Jensen schrieb, Kohl sei „ein Freund Dänemarks gewesen“ und „deshalb werden wir Dänen seiner stets in Dankbarkeit gedenken“. Vorrangig hängt dies damit zusammen, dass Kohl nach dem negativen Votum der Dänen zum Maastrichter Vertrag beim EU-Gipfel in Edinburgh – trotz des Widerstands mancher Mitgliedsländer – jene Sonderregelungen („opt-outs“) durchsetzte, die noch heute das Fundament für die dänische EU-Mitgliedschaft bilden. Noch wichtiger ist die historische Perspektive: Kohl hat nach der deutschen Einheit, damals auch von vielen Dänen argwöhnisch begleitet, immer wieder die deutsche Entschlossenheit demonstriert, auf die europäische Karte zu setzen und unter keinen Umständen einen deutschen Sonderweg einzuschlagen. Das galt insbesondere beim Euro, aber auch durch das für Mitgliedsländer minderer Größe wie Dänemark entscheidende Prinzip, bei aller Notwendigkeit zur Integration keinen europäischen Bundesstaat anzustreben, sondern stets den Respekt vor der jeweiligen nationalen Eigenart zu gewährleisten.

Kohl hat dem deutsch-dänischen Verhältnis große Dienste erwiesen, auch in der Minderheitenpolitik. Zu erinnern ist an seinen gemeinsamen Besuch mit Schlüter im deutsch-dänischen Grenzland 1985 bei beiden Minderheiten – nördlich der Grenze natürlich in Tondern, der Geburtsstadt von „Freund Poul“ (so Kohl). In einem halbstündigen sogenannten Sofagespräch traf er führende Vertreter der deutschen Minderheit im Rathaus und – wie aus einem Referat des Auswärtigen Amtes hervorgeht – unterstrich dabei, „er hege aus persönlich-familiären Erlebnissen besondere Empfindungen für Grenzlandprobleme und befürworte daher Hilfe für Grenzländer wo immer auch möglich“. Bei den auch von Kohl angesprochenen Problemen der Minderheit im Bücherei- und Kindergartenbereich versprach Schlüter Abhilfen, die der Staatsminister auch später einlöste. Kohl – der Kanzler fragte u. a., warum Tondern von deutschen Paaren als Ort der Eheschließung so beliebt sei – sagte zur Minderheiten-Politik: „Nichts ist so gut, dass es nicht noch besser werden kann.“
Helmut Kohl hat Europa besser gemacht – für Mehrheiten und Minderheiten!

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