Leitartikel

Bornholm, Bornholm

Siegfried Matlok
Siegfried Matlok Senior-Korrespondent
Apenrade/Aabenraa
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Auf dem Volkstreffen auf Bornholm ließ sich, auf einem Großbildschirm, auch das WM-Spiel Dänemark gegen Peru verfolgen. Foto: Olafur Steinar Gestsson/Ritzau Scanpix

Teuer sei es geworden, beim Volkstreffen auf Bornholm mit von der Partie zu sein, schreibt Siegfried Matlock in seinem Leitartikel und stellt sich die Frage: Ist die Großverantaltung noch sinnvoll?

Bornholm ist eine Reise wert. Das wissen viele, aber seit 2011 wird dies sozusagen demokratisch belegt. Der frühere Unterrichtsminister, der in Nordschleswig geborene Venstre-Politiker Bertel Haarder, hatte – nach schwedischem Vorbild – die Idee zu „Folkemødet“, einem Volkstreffen. Er bot sie zunächst Sonderburg an. Warum Sonderburg damals nicht zugriff, bleibt bis heute ein Rätsel. Aber fairerweise muss man heute feststellen, dass Sonderburg nicht mit Bornholm konkurrieren kann. Da geht es ja nicht um die Natur, denn am Alsensund hätte man auch so manches für das Auge bieten können, was gegenüber der Ostsee-Perle Bornholm durchaus wettbewerbsfähig gewesen wäre, aber Bornholm hat einen Vorteil, den niemand wettmachen kann: Man ist auf der Insel gewissermaßen „gefangen“. Politiker können nach Reden etc. nicht gleich wieder abhauen. Und genau dadurch entsteht eben mit Sonnen-Garantie ein besonderes Veranstaltungsklima, ein demokratisches Milieu, das sich über die Jahre hinweg auf Bornholm entwickelt hat.

Wer schon einmal teilgenommen hat, wird dies bestätigen, jedoch auch bemerken, dass sich manches nicht nur vorteilhaft verändert hat. Die Größe des viertägigen Politik-Festivals mit 3.000 Events stößt an ihre Grenzen, und die Preise sind angesichts von Anfragen und Andrang teilweise explodiert. Das führt zu einer Schieflage, denn kleinere Organisationen sind dadurch kaum in der Lage, die Kosten einer Beteiligung zu tragen. Es war deshalb auch eine Warnung, als Staatsminister Lars Løkke – schon 2017 – den Satz fallen ließ, es gebe ja auch andere Inseln im Königreich!

Von einer politischen Tier- und Fleischschau ist die Rede: Da wird Großpolitik ebenso angeboten wie z. B. ein Burkalauf für Nudisten. Auch das Grenzland kommt nicht zu kurz: Sydslesvigsk Forening, Grænseforeningen und auch der Südschleswig-Ausschuss des Folketings präsentieren ein umfangreiches Programm, u.a. Fragen wie „Ist der Dannebrog ein positives Symbol?“, „Schießt das Schwein“ (Zielrichtung Wildschein-Zaun), „Ist die ,Wiedervereinigung’ von 1920 ein Vorbild für Katalonien?“ und in Verbindung mit der ewigen Identitäts-Debatte: Gibt es noch eine dänische Minderheit in 50 Jahren? Und als Überraschungsgast liefert die dänische Minderheit einen deutschen Kulturbeitrag, nämlich Michael Schulte (einst dänischer Schüler), der für Deutschland beim Eurovision-Song-Contest den vierten Platz belegte. Schon beachtlich, aber auch gewiss auch nicht billig, was da alles auf die Beine gestellt worden ist. Nicht weil man auf alle Fragen etwa Antworten erwartet hat, sondern weil dies ein (einmaliges) Startfenster ist, das die dänische Minderheit dadurch für Dänen öffnet.

Der Schriftsteller Knud Romer gehört zu den Kritikern von „Folkemødet“, spricht von „Betrug, weil gar keine Begegnung zwischen Politikern und Bürgern zustande kommt. Also ein demokratisches Feigenblatt? Nein, denn wo sonst kommen sich heute Politiker und Wähler im direkten Gespräch so nahe wie auf Bornholm, trotz der inzwischen offenbar leider notwendigen und in diesem Jahr deutlich sichtbar stärkeren Polizei-Präsenz? Es ist ein Kapital des Vertrauens, auf das die dänische Demokratie – trotz aller Mängel und Schwächen – stolz sein kann. Deshalb unsere Reiseempfehlung, Bornholm 2019!

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