Leitartikel

„Bedürfnis im Grenzland“

Bedürfnis im Grenzland

Bedürfnis im Grenzland

Apenrade/Aabenraa
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„Nordschleswiger"-Journalist Helge Möller denkt in dem Leitartikel über den „Notruf ins Nichts" nach.

Seit vielen Jahren gibt es eine Zusammenarbeit zwischen den Rettungskräften auf deutscher und dänischer Seite, das „Flensburger Tageblatt" schreib bereits 2011 von der Absicht, dass Feuerwehren beiderseits der Grenze ihre Kräfte bündeln wollen. In dem Artikel wird über die Zusammenarbeit der Rettungsdienste seit 1998 berichtet.

Trotzdem kam es, wie „Der Nordschleswiger" berichtete, kürzlich zu einer heiklen Situation, als ein Auto auf der Grenzstraße auf deutscher Seite verunglückte und der automatische Notruf des Wagens ins dänische Netz geleitet wurde, vermutlich weil das dänische Netz dort an der Unfallstelle am stärksten war. Die Verunglückte wartete vergebens auf Hilfe, erst ein Helfer, dessen Handy im deutschen Netz eingewählt war, konnte einen Rettungswagen alarmieren. Nach Veröffentlichung des Artikels meldete sich ein Leser und berichtete von einem ähnlichen Fall, einige Jahre zuvor.

Notrufe werden in Dänemark in drei Alarmzentralen entgegengenommen, in Aarhus, Slagelse und Kopenhagen. Gut ist, dass die Polizei von Südseeland und Lolland-Falster, verantwortlich für die Alarmzentrale in Slagelse, in der der automatische Notruf gelandet ist, einen Fehler im Umgang mit dem Notruf einräumte und nun die Abläufe überprüfen will.

Das Problem scheint ein geografisches zu sein und wird durch die moderne Technik, die ja eigentlich helfen soll, im Grenzland erschwert. Slagelse ist – wie Kopenhagen und Aarhus – weit von der deutsch-dänischen Grenze entfernt. In Deutsch gesprochene automatische GPS-Koordinaten sind für die Person, die den Notruf in Deutschland entgegennimmt, zu verstehen. In Dänemark möglicherweise nicht.

Hier im Königreich kann man vielleicht hoffen, dass der Operateur in Kopenhagen, Aarhus oder Slagelse Deutsch versteht, erwarten kann man es wohl nicht. Es ist aus der Entfernung offenbar auch schwer zu beurteilen, ob der Unfall noch auf deutscher oder bereits auf dänischer Seite passiert ist – danach richtet sich dann aber maßgeblich das weitere Vorgehen – wird ein dänischer Einsatzwagen losgeschickt oder die deutsche Rettungsleitstelle informiert? Die Tücken des Grenzlandes.

Somit scheint die Zusammenarbeit der Einsatzkräfte nördlich und südlich der Grenze, die gegenseitige Hilfe vor Ort, das eine ­ zu sein, die Abwicklung von Notrufen in Dänemark aber das andere. Die gute Zusammenarbeit von Rettungskräften vor Ort nützt einer verunglückten Person, die dringend Hilfe benötigt, nichts, wenn die Entgegennahme des Notrufs – und die Entscheidung, was mit ihm passiert, weit weg der Grenze erfolgt. Ein Operateur in oder aus Nordschleswig könnte die Situation vermutlich besser einschätzen, weil er oder sie Orts- und vielleicht auch Sprachkenntnisse hat.

Politisch betrachtet, ist der brisante Vorfall an der Grenze zu einem Zeitpunkt passiert, an dem sich die Menschen im Grenzland von Kopenhagen in ihren Bedürfnissen nicht ausreichend wahrgenommen fühlen. Stichwort Grenzschließung. Ein anderes Bedürfnis im Grenzland ist auch, im Notfall nicht in Stich gelassen zu werden.

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