Leitartikel

„Anders mit anderen Augen“

Siegfried Matlok
Siegfried Matlok Senior-Korrespondent
Apenrade/Aabenraa
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Anders Samuelsen ist kampfbereit. Obwohl jeder weiß, dass DF alles tun wird, um ihn nach der kommenden Folketingswahl aus dem Amt zu verdrängen, wirkt er bei seinem jüngsten Auftritt zuversichtlich, meint Siegfried Matlok.

In der Außenpolitischen Gesellschaft in Kopenhagen präsentierte der dänische Außenminister Anders Samuelsen Anfang der Woche seine Sicht der Weltpolitik – mit anderen, ja mit Anders’ großen Augen. Selbstbewusst fast wie der Vertreter einer Großmacht trat er hemdsärmelig und sportlich fit vor sein Publikum, vor das Volk unter der Überschrift „State of the Union“, also Ansprache zur Lage der Nation. Die Botschaft, also „Message“ des 51-Jährigen war aber eher Massage aus der Polit-Werkstatt der Liberalen Allianz, die ja bei der kommenden Wahl um ihr politisches Überleben kämpft – ebenso wie Parteiführer Samuelsen um das Amt des Außenministers, das er in der Minderheits-Regierung Løkke seit November 2016 bekleidet.

Nein, es wäre ungerecht, den in der dänischen Presse oft gescholtenen und sogar verspotteten Außenminister zu verdächtigen, etwa unter Minderwertigkeitskomplexen zu leiden. Sein lockerer Spruch (schon) nach den ersten 100 Tagen im Amt, er sei wohl der kompetenteste Außenminister, den das Land jemals gehabt habe, war zwar aus dem Zusammenhang gerissen, wahrlich aber alles andere als die hohe Kunst der Diplomatie. Nach einer schwierigen Anfangs- und Lehrzeit muss man ihm jedoch bescheinigen, dass er in seinem auch physisch herausfordernden Job durchaus Tritt gefasst und auch bereits rot-weiße Akzente gesetzt hat.

Es ist natürlich zu früh, ihn etwa mit Venstres großen Außenminister Uffe Ellemann-Jensen zu vergleichen, der das Startfenster 1989-1990 für sich und Dänemark als globale Bühne öffnete, aber nicht nur manch große Lippe, sondern auch sein Versuch, den gewiss geringen Spielraum dänischer Außenpolitik international bei günstiger Wetterlage zu nutzen, lässt gewisse Parallelen zu. Die bisherige aktivistische Außen- und Sicherheitspolitik wird am Asiatisk Plads zwar unter seiner Leitung fortgeführt, zugleich jedoch mit dem Begriff einer „robusten Außenpolitik“ ergänzt.

Das heißt mit seinen Worten (wenn nötig sogar unkonventionelle) Allianzen schmieden und dabei auch das kleine Risiko eingehen, in gewissen Fragen die Rolle des Frontläufers zu übernehmen, ohne sich dabei zu überheben. Das ist ihm in der Iran-Affäre gelungen, nachdem durch angebliche Terrorpläne des iranischen Geheimdienstes fast das ganze Land verkehrsmäßig lahmgelegt worden war. Samuelsen griff die Hinter- und Dunkelmänner in Teheran öffentlich an, und erst später holte er sich und bekam die volle Unterstützung aller EU-Partner. Alles andere als eine leichte Aufgabe, wie er bei seiner Rede in der Borup Højskole unterstrich.

Und ein zweiter, ganz aktueller Fall ist Venezuela, wo Samuelsen sich – fast noch vor den USA – zu Wort meldete. Es sorgte auch international für Aufsehen, als er sich frühzeitig an die Seite des demokratischen Gegenspielers des jetzigen Machthabers Maduro stellte. Freiheit und liberale Ideen gilt es – wo immer möglich – überall zu unterstützen. Das ist sein LA-Credo, und es scheint ihm auch persönliche Freude zu bereiten, hier und dort den eigenen Kopf hinzuhalten, weil er es für wichtig hält, dass sich Dänemark aus der Komfortzone herausbewegt. Ohne dabei die übergeordneten Ziele dänischer Außen- und Sicherheitspolitik aus den Augen zu verlieren: also EU, der er – früher ja nicht unkritisch gegenüberstehend – inzwischen sogar das Potenzial einer „Super-Macht plus“ bescheinigt, oder Nato, wo er mit Nachdruck unterstreicht, dass die USA auch unter Trump weiterhin Dänemarks wichtigster Alliierter sind.

Trotz der großen Herausforderungen dieser Zeit bleibt Samuelsen optimistisch. Allerdings ist ihm bewusst, dass sich die Welt heute noch schneller, noch komplexer dreht als früher. Sein Hinweis, dass Dänemark alle zwei Jahre seine außen- und sicherheitspolitische Strategie überprüft, während China mit einem Plan 2049 (!) operiert, ist natürlich – richtig – nur so zu verstehen, dass Außen-und Sicherheitspolitik auch den langen Atem benötigt, dazu gehört eben auch ein Außenminister mit Kontinuität.

Anders Samuelsen ist kampfbereit. Obwohl jeder weiß, dass DF alles tun wird, um ihn nach der kommenden Folketingswahl aus dem Amt zu verdrängen, wirkt er bei seinem Auftritt zuversichtlich und schöpft dies auch aus einer Werbung, die er nachts bei einer Rückkehr an einem Gebäude nahe des Außenministeriums entdeckte. Eine Leuchtreklame mit folgender „Message“: „I am still here.“

Das war wie Herzmassage für den Herrn Minister!

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