Leitartikel

„Der andere Weg“

Cornelius von Tiedemann
Cornelius von Tiedemann Stellv. Chefredakteur
Apenrade/Aabenraa
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Die Schweden gelten hier in Dänemark weithin als politisch naive Träumer, als hoffnungslose Verfechter der politischen Korrektheit, die die Augen vor der Realität verschließen, meint Cornelius von Tiedemann.

Heute, am Freitag, bekommt Schweden aller Voraussicht nach nach monatelangem Ringen eine neue (alte) Regierung. Und das hat viel mit Dänemark zu tun.

Dänemarks „anderer“ großer Nachbar wird im Rest der Welt gerne mit Dänen (und Norwegern) in einen Topf namens Skandinavien geworfen, als wäre dies ein Land, ein bis heute nur durch zufällige Grenzen unterteilter Kulturraum. Tatsächlich sind sich die Länder des Nordens in vielem sehr ähnlich, gab es gemeinsame Entwicklungen von bäuerlichen Gesellschaften hin zu sozialdemokratischen Musterländern – und in den vergangenen Jahrzehnten ganz ähnlich verlaufende Bestrebungen marktliberaler Regierungen, lange als selbstverständlich öffentlich geltende Aufgaben zu privatisieren, den Wettbewerb über oder zumindest neben das als hemmend empfundene Gleichheitsprinzip der „Wohlfahrtsdiktatur“ zu stellen.

Doch es gibt Unterschiede – deutliche sogar. Das ist den Skandinaviern bewusst und schon immer bewusster gewesen als Außenstehenden – so wie Geschwister untereinander viel eher die Unterschiede sehen, während Außenstehenden die Gemeinsamkeiten auffallen.

Ein ganz spürbarer Unterschied hat sich zwischen beiden Ländern im Umgang mit dem Aufstieg der äußeren Rechten gezeigt. In Dänemark treiben die Nationalisten der Dänischen Volkspartei seit Jahren, ja, Jahrzehnten die dänische Politik vor sich her. Sie haben spätestens seit 2001 deutlich mehr Einfluss auf die Politik des Landes, als ihr Stimmenanteil und ihre bisherige Weigerung, in Regierungsverantwortung zu gehen, dies vermuten lassen würden.

Dafür, dass sie dem rechtsliberal-konservativen Lager seit 2001 mit nur einer Unterbrechung von vier Jahren die Regierungsmehrheit verschafft, bekommt die Dänische Volkspartei Zugeständnis um Zugeständnis. Ihr Einfluss auf die öffentliche Debatte ist enorm, auch weil in Dänemarks Debattenkultur für viele Meinungsfreiheit mehr zählt als Rücksichtnahme.

Anders in Schweden. Von vielen Dänen heftig kritisiert, hat sich die Mehrheit der schwedischen Politik lange geweigert, mit den Nationalisten der Schwedendemokraten überhaupt zu reden. Und heute wird, aller Voraussicht nach, ein sozialdemokratischer Ministerpräsident gewählt, der zusammen mit der kleinen Umweltpartei keine parlamentarische Mehrheit hat. Nach monatelangen Verhandlungen haben sich zwei Parteien, die grünliberal-bäuerliche Zentrumspartei und die Liberalen, aus der bürgerlichen Allianz gelöst und zugesagt, Stefan Lövfen zum Staatsminister zu wählen. Und zwar aus einem Grund: Um zu verhindern, dass die Schwedendemokraten irgendeinen Einfluss auf die Regierungspolitik bekommen. Um zu verhindern, dass Schweden wird, wie Dänemark schon ist.

In Dänemark wird das so direkt kaum wahrgenommen – und wenn, dann eher belächelt. Schließlich gelten die Schweden hier weithin als politisch naive Träumer, als hoffnungslose Verfechter der politischen Korrektheit, die die Augen vor der Realität verschließen. Schließlich gefallen sich die Dänen auch immer ein wenig in der Rolle des schwarzen Schafes in der Familie, sei es im Norden oder in der EU.
Die Schweden haben einen anderen Weg gewählt. Wie das unter Geschwistern oft so ist – und es ist dennoch eine bemerkenswerte Entwicklung: Dänemark als abschreckendes Beispiel.

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