Diese Woche in Kopenhagen

„Wir sind Vizeweltmeister: Verdammt glücklich!“

„Wir sind Vizeweltmeister: Verdammt glücklich!“

„Wir sind Vizeweltmeister: Verdammt glücklich!“

Kopenhagen
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Der Leiter des Kopenhagener Sekretariats der deutschen Minderheit in Dänemark, Jan Diedrichsen, beschäftigt sich in dieser Woche in seinem Kommentar mit Glück und dem World-Happiness-Report der Vereinten Nationen.

Menschen suchen nach dem Glück „wie Betrunkene nach ihren Häusern“, schrieb Voltaire. „Sie wissen, dass sie eins haben, aber nicht wo.“ Der Franzose kannte die heutigen Dänen nicht, – die wissen nämlich, um in dem Bild zu bleiben, ganz genau, wo das Glück wohnt: in Dänemark! Vor wenigen Tagen durften wir alle wieder einmal jubeln. Wir Dänen haben es fast wieder zum Weltmeister geschafft. Nein, nicht Handball! Wir sind Glücks-Vizeweltmeister.

Im World-Happiness-Report der Vereinten Nationen haben wir den zweiten Platz belegt. Gegen Finnland kann man ruhig mal verlieren. Nächstes Jahr sind wir wieder die glüüüüücklichsten. Und das Glück scheint abzufärben. Kürzlich hat der „Glücksatlas“, der das Glück in Deutschland bemisst, vermelden können: Die glücklichsten Deutschen, die leben in Schleswig-Holstein. Nehmt Euch also in acht in Dänemark: Der „echte Norden“ wird bald auch der „glücklichste Norden“ sein.

Nun aber ernsthaft: Die Glücksrankings sind ein seltsames Produkt und wenig aussagekräftig. Das Thema Glück ist jedoch von entscheidender Bedeutung. Denn im Leben verfolgen wir doch alle dasselbe Ziel: wir wollen glücklich, frei von Leiden sein, ein schönes Leben führen. Das jüngste UN-Glücksranking hat einen methodischen Ansatz, der neben dem ganz persönlichen Glücksempfinden auch Dinge wie das Bruttonationalprodukt und die soziale Absicherung als Indikatoren mitberechnet. Daher kommt auch das deutliche Übergewicht der westlichen Staaten zustande. Interessant wird es, wenn wir zwei andere Studien gegenlesen. Legt man die aktuelle Welt-Selbstmordstatistik neben die Welt-Glückstatistik, finden sich viele Länder in beiden Untersuchungen weit oben.

Was wiederum seltsam erscheint. Glücklich bis zum Selbstmord, könnte man flapsig formulieren. Gallup hat sich wiederum mit einem „Global Emotions Report“ ebenfalls in die Diskussion geworfen, in dem die Wirtschaftsdaten (BNP) nicht mitentscheiden, ob ein Land glücklich ist, sondern das jeweilige ganz persönliche Glücksempfinden und die messbaren Glücksindikatoren der Menschen untersucht werden. Hier findet sich auf Platz 1 Paraguay gefolgt von Costa Rica, Panama, Philippinen, Usbekistan und erst auf Platz neun ein Europäer: Norwegen …

Es ist eine Binsenweisheit und dennoch so entscheiden bei der Beschäftigung mit dem Glück: Geld macht nicht glücklich. Die Wissenschaft ist eindeutig: Geld, Macht und Prestige, die externen Indikatoren, die in unserer Leistungsgesellschaft so wichtig erscheinen, machen nicht glücklich. Konsum macht auch nicht glücklich. Das neue Auto, das neue Haus, der teure Computer und die extravagante Reise – sie alle machen nicht glücklich. Es bedarf eines ziemlich genau berechenbaren Jahreseinkommens (in den USA sind es ca. 60.000 Dollar), ab dem, eine weitere Steigerung des Einkommens, das persönliche Glücksgefühl langfristig nicht signifikant positiv beeinflusst.

Private Angelegenheit

Glück ist, im Sinne des subjektiven Wohlbefindens, auch eine private Angelegenheit. Ich habe Menschen getroffen, die aus Regionen der Welt stammen und Dinge erlebt haben, die unvorstellbar sind und dennoch ein Glück und eine Zufriedenheit ausstrahlen, die einen selbst – mit banalen Gedanken des Unglücks der eigenen Existenz herumhadernd – verschämt zurücklassen. Gleichermaßen kennen wir doch alle eine Person, der wir deutlich anmerken, wie unglücklich er oder sie ist; und dabei „eigentlich“ nach unseren Maßstäben ein erfolgreiches Leben führt, mit allen gängigen Statussymbolen.

Europa bietet die wirtschaftlichen und sozialen Rahmenbedingungen, um ein glückliches Leben zu führen. Doch viele Menschen sind nicht glücklich. Sie hadern mit dem Leben und sind gefangen in Status- und Konsumfragen, fühlen sich nicht frei, sondern eingeschlossen in gesellschaftlichen und selbst errichteten Zwängen, währenddessen tickt die begrenzte Lebenszeituhr (übrigens behaupte ich mal ganz unwissenschaftlich, dass viele Menschen nach außen behaupten werden, dass sie glücklich sind, denn glücklich zu wirken und aufzutreten ist in unserer Gesellschaft zum Statussymbol des Erfolges geworden). Die Glücksforschung, die Positive Psychologie zeigen jedoch immer überzeugender, in fundierten Studien, dass es ganz andere Dinge sind, die uns glücklich machen: sinnvolle Tätigkeit, innere Ruhe, Gelassenheit, Familienglück, stabile Beziehungen, Empathie, soziale Kontakte, soziales Engagement, Bildung etc. etc.

Stellen wir uns einmal vor, die Politik würde ihr Handeln nach den Parametern ausrichten, die uns glücklich machen. Und nicht wie bisher, jedes Quartal auf das Wirtschaftswachstum starren, wie das Kaninchen auf die Schlange. Stabile 2 Prozent Wirtschaftswachstum steigern das Glücksgefühl jedes einzelnen Bürgers nicht. Mit weniger Wachstum und mehr Glücksinvestment könnten wir doch auch mal auf einen Weltmeistertitel verzichten, oder?

Leseempfehlung: „Die Ökonomie des Glücks“ von Stefan Klein und „Glück“ von Matthieu Ricard.

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