Diese Woche in Kopenhagen

„Eine nicht endende Traurigkeit“

„Eine nicht endende Traurigkeit“

„Eine nicht endende Traurigkeit“

Kopenhagen
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Jan Diedrichsen, der Leiter des Kopenhagener Sekretariats der deutschen Minderheit in Dänemark, beschäftigt sich in seinem Kommentar mit Depressionen – und warum diese in der Öffentlichkeit oftmals immer noch ein Tabu-Thema sind.

„Wenn es einem Menschen mit physischen Schmerzen schwerfällt, seine Aufmerksamkeit etwas anderem als seinen Schmerzen zuzuwenden, kann ein klinisch depressiver Mensch einen anderen oder etwas anderes gar nicht als unabhängig von dem universalen Schmerz wahrnehmen … Alles ist Teil des Problems, und es gibt keine Lösung. Für den Betroffenen ist es eine Ein-Mann-Hölle“, so schreibt der geniale Schriftsteller David Foster Wallace, der mit 46 Jahren, geplagt von einer schweren Depression, entschied, freiwillig aus dem Leben zu scheiden. „Als wäre jeder Zelle so schlecht, dass sie kotzen will“, schrieb er 2008, kurz vor seinem Tod. Wie auch Robert Enke, der bewunderte Bundesliga-Torwart, hatte Wallace alles daran gesetzt seine Depression zu verheimlichen.

Warum ich dies schreibe? Mich hat das Interview mit Henrik Sass Larsen, den als durchsetzungsstark geschätzten bzw. gefürchteten politischen Sprecher der Sozialdemokraten, gerührt. Er hat sich in einem Interview mit der Tageszeitung Politiken am Wochenende zu seiner bislang nur sehr wenigen Menschen bekannten Depressionserkrankung geäußert. Aus dem Interview geht nicht hervor, ob er sich freiwillig offenbart oder ob er einer Veröffentlichung seiner Krankheit durch die unsägliche „Zeitung“ Ekstrabladet zuvorkommen wollte. Auch in einem von Macht und Stärke dominierten Umfeld, wie die Politik es ist, gibt es Personen mit Depressionen. Henrik Sass Larsen hat sich Hilfe gesucht und bekommt von Parteifreunden und politischen Gegnern unumwundene Rückendeckung. Alle, mit etwas Anstand im Leib, die im sonst so erbarmungslos harten Umfeld auf Christiansborg agieren, wünschen ihm gute Besserung!

Weiterhin ist diese Krankheit mit vielen Tabus belegt. Noch immer denken nicht wenige, die von Depressionen hören: „Wir sind alle ab und an traurig, reißt euch doch zusammen“. Doch so einfach geht das nicht; eine Depression ist kein Burnout oder ein allgemeines Gefühl des Lebensekels oder die gefühlte Sinnlosigkeit eigenen Tuns, die uns wohl alle regelmäßig mehr oder weniger umfassend befallen. Im alltäglichen Sprachgebrauch wird der Begriff depressiv leider häufig für eine völlig normale traurig-niedergeschlagene Stimmungslage verwendet. Im medizinischen Sinne ist die Depression jedoch eine ernste, behandlungsbedürftige und oft folgenreiche Erkrankung, die sich der Beeinflussung durch Willenskraft oder Selbstdisziplin entzieht. Sie stellt rund die Hälfte der jährlichen Selbsttötungen in Deutschland.

Der dänische Landesverband „SIND“ erklärt, dass bis zu 20 Prozent der Dänen in ihrem Leben an einer Depression erkranken. In Deutschland geht man von rund vier Millionen Depressionskranken aus. Die Depression gibt es in verschiedenen Ausformungen, einige sind nur medikamentös in den Griff zu bekommen oder auch gar nicht.

Henrik Sass Larsen hat neben der Übelkeit, die einem überkommt, wenn man „Zeitungen“ wie Ekstrabladet nur aus der Ferne sieht, mich auch dafür sensibilisiert, wieder stärker darauf zu achten, dass diejenigen, die nach außen stark oder gar unüberwindbar wirken mögen, auch von dieser unsäglichen Krankheit heimgesucht werden können. Und man sieht es ihnen häufig nicht an.

Ich will mit einem Zitat aus dem stilistisch brillanten und unglaublich traurigen Buch von David Foster Wallace enden: „Es gehört zu dem Gefühl, dass ich irgendwie das Gefühl habe, ich würde alles tun, damit es bloß weggeht. Verstehen Sie? Alles. Verstehen Sie das? Es geht nicht darum, dass ich mir wehtun will, sondern darum, dass es nicht wehtun soll.“

Literaturtipp: „Unendlicher Spaß“, David Foster Wallace und soweit Bücher Medizin sein können, lesen Sie: Thomas Melle: „Die Welt im Rücken“ oder Édouard Levé: „Selbstmord“
Die zitierten Fakten sind aus Wikipedia, deutscher Beitrag zu „Depression“ entnommen.

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