Diese Woche in Kopenhagen

Links gegen Rechts – überholte Gegensätze?

Jan Diedrichsen
Jan Diedrichsen Sekretariatsleiter Kopenhagen
Kopenhagen
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1. Mai in Kopenhagen. Foto: Sarah Christine Nørgaard/Scanpix

Die Mehrheit der dänischen Arbeitnehmer wählt nicht mehr links. Auch die Wahl in Frankreich zeige, dass das alte Schema aufgebrochen wird, meint Jan Diedrichsen. Bei den neuen Gegensätzen, die mittlerweile den politischen Diskurs überlagern, sollte man sich ab und an auch mit den politischen Werten auseinandersetzen und dabei gewinnbringend sowohl nach links und rechts schauen.

Die Mehrheit der dänischen Arbeitnehmer wählt nicht mehr links. Auch die Wahl in Frankreich zeige, dass das alte Schema aufgebrochen wird, meint Jan Diedrichsen. Bei den neuen Gegensätzen, die mittlerweile den politischen Diskurs überlagern, sollte man sich ab und an auch mit den politischen Werten auseinandersetzen und dabei gewinnbringend sowohl nach links und rechts schauen.

Am 1. Mai wehen traditionell die roten Fahnen. Doch früher war alles einfacher: Am 1. Mai waren Sozialdemokraten, Sozialisten und Kommunisten unter sich. Wer für die Arbeiter/Arbeitnehmer war, der war links. Doch hat sich das Rechts-Links-Schema nicht mittlerweile überholt? Passend zum 1. Mai konnte man auf „Altinget.dk“ eine Umfrage lesen, die besagt, dass die Mehrheit der Arbeitnehmer in Dänemark nicht mehr links wählt (Sozialdemokraten, Sozialisten, Enhedslisten) – sondern eher bürgerliche Parteien bevorzugt. Besonders schmerzlich für rote Nostalgiker muss die Tatsache sein, dass die Dänische Volkspartei laut Studie die beliebteste Partei bei den Arbeitern und Arbeitnehmern ist.

Aber was ist schon links und was ist rechts? Diese Schema-Denken war schon immer eher eine Vereinfachungs- und Abgrenzungsdefinition; heute macht diese Aufteilung parteipolitisch zumindest kaum noch einen Sinn. Damit soll die historische Bedeutung der Arbeiterbewegung nicht geschmälert werden. Die Frage ist keine historische, sondern eine aktuell-politische: Was bedeutet dieser Links-Rechts-Gegensatz heute?

In Frankreich wird bei der Wahl zum Präsidentenamt deutlich, dass sich das Rechts-Links-Schema in der Auflösung befindet. Die Sozialisten sind unter 10 Prozent der Wählergunst gefallen. Die Konservativen haben es nicht bis in die Stichwahl geschafft. Gewonnen hat ein Kandidat, der sich ganz bewusst dahingehend öffentlich äußert, dass er weder Linke noch Rechte kenne, sondern vielmehr danach trachtet, dieses anachronistische politische Schisma zu überwinden. Auch seine politische Gegnerin versucht sich – wenig überzeugend – aus dem Rechts-Links-Schema zu winden: Sie sei allein für Frankreich, alles andere sei sekundär.

Es manifestiert sich ein neuer Gegensatz, der schwer in das alte Denken passt. Viele Menschen sehen sich als Verlierer der Globalisierung – haben Angst vor der Welt, die da draußen ist und immer dichter an die eigene Komfortzone rückt. Dies muss nicht unbedingt mit einem geringeren sozialen Status zusammenhängen; bis tief in die Mittelschicht hinein, zieht sich die Angst und Ablehnung der vernetzten und unübersichtlichen Welt. Auf der anderen Seite stehen die Globalisierungsgewinner – die Weltbürger, die glühenden EU-Anhänger, die in einer interdependenten Welt, die Antwort auf alle Fragen der Zukunft sehen. Die Gegensätze zwischen den beiden Gruppen werden immer schärfer.

Dennoch, es wäre meiner Meinung nach falsch, den Links-Rechts-Gegensatz einfach auf den Müll der Geschichte zu kippen. Die eher dem konservativen Spektrum zuzuordnende Meinungsforscherin, Noelle-Neumann hat beschrieben, was Menschen unter rechten und was sie unter linken Werten verstehen. Als linke Werte gelten danach: Gleichheit, Gerechtigkeit, Nähe, Wärme, Formlosigkeit, das „Du“, Spontaneität, das Internationale und Kosmopolitische. Ihnen stehen als rechte Werte gegenüber: Betonung der Unterschiede, Autorität, Distanz, geregelte Umgangsformen, das „Sie“, Disziplin, das Nationale. In der Wirtschaft sind linke Werte: staatliche Planung, öffentliche Kontrolle, rechte Werte: Privatwirtschaft und Wettbewerb. Freiheit verstehen Linke zuerst als Freiheit von Not. Der Staat soll sich um soziale Sicherheit und Geborgenheit kümmern. Rechte verstehen Freiheit umgekehrt zuerst als Freiheit von staatlicher Gängelung und staatlichem Zwang. Sie schätzen Anstrengung, Risikobereitschaft, Eigenaktivität. Das zentrale linke Anliegen ist Solidarität mit den Schwächeren. (Quelle: Thurich, Eckart: pocket politik. Demokratie in Deutschland.)

Natürlich sind dies Stereotypen und Vereinfachungen; aber nichts anderes ist das Rechts-Links-Denken immer gewesen. Bei den neuen Gegensätzen, die mittlerweile den politischen Diskurs überlagern, sollte man sich ab und an auch mit den politischen Werten auseinandersetzen und dabei gewinnbringend sowohl nach links und rechts schauen.

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