Diese Woche in Kopenhagen

„Kriegsschauplatz Politik “

Kriegsschauplatz Politik

Kriegsschauplatz Politik

Jan Diedrichsen
Jan Diedrichsen Sekretariatsleiter Kopenhagen
Kopenhagen
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Die Entwicklungen bei Venstre und die Berichterstattung über die Ereignisse zeigen eine Politik, die von Macht und Kampf geprägt ist. Mit dieser Art der Politik kommt das Land nicht weiter, findet der Leiter des Kopenhagener Sekretariats der deutschen Minderheit in Dänemark, Jan Diedrichsen.

Das Wochenende war dramatisch. Wir haben es alle mitverfolgen können: Der Parteivorsitzende von Venstre und sein Stellvertreter – Lars Løkke Rasmussen und Kristian Jensen – sind nach einem lang schwelenden Machtkampf beide zurückgetreten. 24 Stunden dauerte das Machtkampffinale. Wen es interessiert, der kann sich in den nächsten Tagen durch den Zeitungsdschungel lesen und nachvollziehen, wer mit wem „gekämpft“, wer wem das „Messer in den Rücken“ oder gar den „Todesstoß“ verpasst hat.


Sprache schafft Wirklichkeit; das von Wittgenstein stammende Zitat ist zwar zu einem Allgemeinplatz geworden, kann aber als passender Hinweis gelten, wenn wir uns vor Augen führen, wie wir mit unseren Politikern umgehen. Die Analysen und Kommentare der letzten Wochen sprechen Bände. Hier mussten wir unter anderem von Kristian Jensen als „Schlappschwanz“ lesen, der es „einfach nicht draufhat“ oder von Lars Løkke Rasmussen, der erst bei Fassbier und mit einer Zigarette zu seinem wahren ich findet.


Wir behandeln unsere Politiker zum Teil abwertend und schäbig.
Natürlich ist es eine freie Wahl jedes Politikers oder jeder Politikerin, also auch von Kristian Jensen und Lars Løkke Rasmussen, sich in das Haifischbecken der Politik zu begeben und sich damit der gnadenlosen Öffentlichkeit auszusetzen.


Persönlich finde ich es dennoch traurig und verstörend zu sehen, wie ein Kristian Jensen ein Interview abbrechen muss, weil ihm die Tränen kommen und die Meldungen, die Lars Løkke Rasmussen in den sozialen Medien im Nachgang veröffentlichte, zeigen seine emotionale Verletzung; dafür braucht man kein Psychoanalytiker zu sein, um das zu erkennen. Jensen und Løkke sind keine Sensibelchen. Sonst hätten sie nicht Jahrzehnte in dem Umfeld existieren können, aber dennoch wünscht man ihnen, dass sie keine zu tiefen Wunden davontragen.


Ja, es kann sein, dass diese Brutalität schon immer da war und dass es früher sogar noch ärger zuging. Aber das macht es doch nicht wirklich besser, oder? Es mag merkwürdig oder gar fragwürdig für einige klingen, aber ich behaupte, dass die Auseinandersetzung, die wir in ihrer Kumulation am Wochenende bei Venstre miterleben mussten, ein sehr männlich geprägter Ausreißer eines bedenklichen Systems der politischen Machtorganisation ist und gleichzeitig alles das verkörperte, was Politik für viele (junge) Menschen so unattraktiv, ja abstoßend macht.

Dieser Machtkampf (und die Berichterstattung darüber) verkörpern eine Art Politik, die hoffentlich irgendwann der Vergangenheit angehören wird. Denn wollen wir wirklich Führungspersonal für unser Land, das die eigenen Auseinandersetzungen wie „Kämpfe“ auf „Leben und Tod“ führt?


Nein, dies ist keine Abrechnung mit der Partei Venstre. Venstre ist nur ein Beispiel. Dies ist eine Abrechnung mit der vorherrschenden Machtlogik und Organisation des politischen Einflusses. Sogar die Partei „Alternativet“, die wortwörtlich als Alternative zum parteipolitischen Establishment angetreten ist, hat sich in einer internen Auseinandersetzung heftig „bekämpft“. Die Sozialdemokraten haben in den letzten Jahrzehnten den „Königsmord“, begleitet von „blutigen Macht- und Flügelkämpfen“ immer wieder zelebriert. Und es ist wahrlich kein dänisches Phänomen, es findet sich überall wieder.


In einem Politikumfeld, in dem nur „politische Killer“ mit „Panzerhornhaut“ sich durchsetzen, entgehen uns Einsichten von Menschen, die sich in ein solches Milieu nie freiwillig bewegen würden. Wir verpassen somit nicht nur einen anderen Politik-Stil, sondern vielleicht auch die entscheidenden Ansätze für die Lösung unserer vielen Probleme.

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