Diese Woche in Kopenhagen

„Gesundheitsreform – die Zukunft der Gesundheit“

„Gesundheitsreform – die Zukunft der Gesundheit“

„Gesundheitsreform – die Zukunft der Gesundheit“

Jan Diedrichsen
Jan Diedrichsen Sekretariatsleiter Kopenhagen
Kopenhagen
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Ein Kommentar zur neuen Gesundheitsreform der dänischen Regierung von Jan Diedrichsen, Leiter des Sekretariats der Deutschen Volksgruppe in Kopenhagen und Leiter der Vertretung des Schleswig-Holsteinischen Landtages bei der Europäischen Union in Brüssel.

Die Regierung hat mit ihrer angekündigten Gesundheitsreform den Takt für den kommenden Wahlkampf vorgegeben. Ein riskanter Plan, gelten doch die Themen Gesundheit und Soziales eher als Steckenpferde der Sozialdemokraten und vor allem der Parteivorsitzenden Mette Frederiksen. Doch Lars Løkke Rasmussen weiß, dass er einen thematischen „burner“ benötigt, um den Wahlkampf zu polarisieren und zu zeigen, dass die Regierung es vermag, auch gegen Widerstände, sinnvolle Politik durchzusetzen. Wir haben es alle in den Medien mitverfolgen können, die Auflösung der Regionen wird sehr kontrovers, über die Parteigrenzen hinweg, diskutiert. Doch just so ein Thema braucht Lars Løkke, um sich auf der Zielgeraden doch noch die Chance zu bewahren, im Staatsministerium zu verbleiben.

Dabei hat er innenpolitisch einen Pakt mit seinem parteiinternen Gegner und möglichen Nachfolger Kristian Jensen geschlossen. Ellen Trane Nørby ist Gesundheitsministerin und im „Kristian Jensen Flügel“ sozusagen die Kronprinzessin. Doch Lars Løkke schätzt, wie so viele andere, die enorme Fachlichkeit und den Fleiß der jungen Ministerin. Sie ist in ihren Themen immer sattelfest und damit ein Schreck eines jeden Beamten: sie stellt kompetente Fachfragen.

Der Gesundheitssektor ist ein, wenn nicht das Zukunftsthema. Es ist ein Bereich, der die Wähler unmittelbar anspricht: Jeder kennt es aus persönlicher Erfahrung: in privater Runde dauert ist nicht lange und das Gespräch ist, wenn politische diskutiert wird, schnell bei Grenzschutz, Ausländern oder eben Gesundheit und Soziales. Jeder hat eine Meinung und eine Erwartung. Daher ist Gesundheit (dazu gehört natürlich auch der umfassende Bereich der Pflege) nicht nur für den Wahlkampf entscheiden, sondern unser Umgang mit dem Thema wird prägend für die Zukunft der Gesellschaft sein.

Schauen wir uns an, was allein in den letzten Jahrzehnten an wissenschaftlichen Fortschritten gemacht wurde, welche Behandlungsmethoden neu hinzugekommen sind, wie die Biotechnologie einen Siegeszug ansetzt, mit Folgen, die wir nicht ansatzweise überblicken. Wir können Menschen behandeln, die früher – es mag hart klingen – einfach gestorben wären. Doch diese Behandlungen werden immer teurer und umfangreicher; können wir uns die Gesundheitsstandards leisten?

Ich habe in den letzten Monaten einen Narren an dem Historiker Yuval Noah Harari gefressen, der drei phänomenale Bücher geschrieben hat. Er beschäftigt sich unter anderem mit den Auswirkungen der Biotechnologie, die neben der Informationstechnologie die Welt revolutionieren wird bzw. bereits in Ansätzen revolutioniert hat.

Ich will es mir nicht einfach machen, aber es passt einfach zu gut in dieser aktuellen politischen Diskussion über eine Gesundheitsreform in Dänemark, die Zukunft mit der Brille von Yuval Noah Harari zu betrachten: „ … Verbesserungen im Bereich der Biotechnologie ermöglichen (es), ökonomische Ungleichheit in biologische Ungleichheit zu übersetzen. Die Superreichen werden schließlich mit ihrem gewaltigen Reichtum (schon heute besitzen die reichsten einhundert Menschen zusammen mehr als die ärmsten vier Milliarden) irgendetwas Sinnvolles anstellen müssen. Während sie bislang kaum mehr als Statussymbole kaufen konnten, könnten sie schon bald in der Lage sein, sich das Leben selbst zu kaufen. Wenn sich neue Behandlungen zur Lebensverlängerung und zur Verbesserung körperlicher und kognitiver Fähigkeiten als kostspielige Angelegenheit erweisen sollten, könnte sich die Menschheit in biologische Kasten aufspalten … im Jahr 2100 könnten die Reichen tatsächlich talentierter, kreativer und intelligenter (sein) als die Slumbewohner … Im Jahr 2100 besitzt das wohlhabende eine Prozent wohlmöglich nicht nur den Großteil des weltweiten Reichtums, sondern auch den Großteil der Schönheit, Kreativität und Gesundheit auf dieser Welt.“ (Yuwal Noah Harari. 21. Lektionen für das 21. Jahrhundert; C.H. Beck: 2018; S 114)

Ich weiß, das klingt für einige sicher lächerlich, dystopisch und aus der Perspektive unserer Wohlfühlwohlfahrtsgesellschaft wie Science-Fiction-Blödsinn. Aber eines steht fest, die Biotechnologie macht Tag für Tag enorme Fortschritte. Wie wir uns dazu verhalten, wird entscheidend sein, wie sich unserer Gesellschaft entwickelt; denn es geht im eigentlichen Sinne auch um Leben und Tod.

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