Diese Woche in Kopenhagen

„Bitte etwas mehr französischen Pathos “

„Bitte etwas mehr französischen Pathos “

„Bitte etwas mehr französischen Pathos “

Kopenhagen
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Foto: Tim Wagner/ Ritzau-Scanpix

Im Mai sind die Wahlen für das Europaparlament – und nur wenige in Dänemark interessiert es. Das sei fatal, denn die EP-Wahl ist in ihrer Bedeutung für die Zukunft Dänemarks wichtiger als die bevorstehende Folketingswahl, meint der Leiter des Kopenhagener Sekretariats der deutschen Minderheit in Dänemark, Jan Diedrichsen.

Während sich die Polit-Strategen in Christiansborg die Köpfe heiß denken, wie sie die nächsten nationalen Wahlen gewinnen, wird der Urnengang für das Europaparlament aller Voraussicht nach erneut weit weniger Aufmerksamkeit erregen. Das ist fatal: die EP-Wahl ist in ihrer Bedeutung für die Zukunft Dänemarks wichtiger als die bevorstehende Folketingswahl, wage ich zu behaupten. Die vielen engagierten Kandidaten werden wieder alles versuchen: sie werden Veranstaltungen abhalten, Positionen aufzeichnen, für Europa oder gegen Europa agitieren. Doch es wird alles nicht viel nützen. Die Medien interessiert es nicht, die Wahlbeteiligung wird schlecht ausfallen.

Instinktiv hat der dänische Wähler – das zeigen die jüngsten Umfragen – jedoch eine Richtungsvorentscheidung getroffen. Die beiden großen Parteien: Sozialdemokraten und Venstre legen mit großen Sprüngen zu. Der Wahlverlierer würde demnach Dansk Folkeparti, die nach einer Bombenwahl vor fünf Jahren, mit 26 Prozent und 500.000 persönlichen Stimmen (sic!) für Morten Messerschmidt, aller Voraussicht nach ein Wahldebakel erleben wird. Dass DF auszog, um der kleptokratischen Beamtenbürokratie in Brüssel das Fürchten zu lehren, um dabei selbst auf dilettantische Art und Weise unlauter die eigenen Parteikassen mit EU-Geld zu füllen, ist natürlich an den Wählern nicht unbemerkt vorbeigegangen.

Das Brexit-Drama und die Trump-Gewitterwolken drängen wohl auch instinktiv die Wähler dazu, die Mitte und Stabilität stärken zu wollen. Damit schwimmt Dänemark als eines der wenigen Länder gegen den Strom der öffentlichen Meinung in Europa; denn von Jobbik bis AfD von Sverigedemokraterne bis Lega legen vor allem die Rechten, die Faschisten, die Populisten und Nationalisten massiv an Zuspruch zu.

Nicht wenige Kommentatoren sprechen daher von der wohl wichtigsten Wahl in der Geschichte der EU. Bernard-Henri Lévy, der streitbare Philosoph, hat sich mit viel Pathos bewaffnet und einen Aufruf formuliert, der von 30 europäischen Intellektuellen gezeichnet wurde. Aus Dänemark hat der Schriftsteller Jens Chr. Grøndahl unterschrieben, der aktuell auf Altinget.dk einen lesenswerten Beitrag über die dänische EU-Unmündigkeit veröffentlicht hat. Doch zurück zum kämpferischen französischen Pathos des Bernard-Henri Lévy: „Ich hielt es für notwendig, dieses Manifest zu schreiben, weil die nächsten europäischen Wahlen im Mai, historisch werden. Das politische Projekt Europa könnte endgültig in die Brüche gehen“, erklärte er der Zeitung Libération, in dem das Manifest veröffentlicht wurde.

Das Manifest trägt den Titel „Europa gegen seine Feinde verteidigen“ und wurde unter anderem von Agnes Heller, Elfriede Jelinek, Claudio Magris, Adam Michnik und Herta Müller unterzeichnet. Von innen wie von außen bedrohen falsche Propheten, Populisten und Demagogen die europäische Idee, das intellektuelle Erbe von Erasmus, Dante, Goethe und Comenius, schreiben diese: „Unsere Generation hat einen Fehler begangen. Wie die Garibaldiner, die im 19. Jahrhundert unablässig wie ein Mantra wiederholten 'Italien wird sich von selbst befreien', glaubten wir, dass die Einheit des Kontinents sich von selbst ergeben wird, ohne Willen und Anstrengung. Wir lebten in der Illusion eines notwendigen Europas, das in der Natur der Dinge liege und sich ohne uns und unser Zutun gestaltet, einfach, weil es im Sinne der Geschichte sei. Mit dieser Schicksalsgläubigkeit muss Schluss sein. Wir müssen Schluss machen mit dem trägen Europa ohne Kraft und ohne Gedanken. Wir haben nicht länger die Wahl. Wenn die Populismen knurren, müssen wir Europa wollen oder untergehen. Wir müssen, während überall souveränistische Abschottung droht, den politischen Willen erneuern oder dem sich breitmachenden Ressentiment die Arena überlassen, dem Hass und seinem Gefolge trüber Leidenschaften.“ (Übersetzung nach www.perlentaucher.de)

In diesem Sinne: Mehr Europa-Wahlkampf in Dänemark wagen; gerne mit französischem Pathos garniert.

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