Leitartikel

„Einspruch, Herr Vize-Kanzler“

Einspruch, Herr Vize-Kanzler

Einspruch, Herr Vize-Kanzler

Siegfried Matlok
Siegfried Matlok Senior-Korrespondent
Apenrade/Aabenraa
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Robert Habeck verdient nach Meinung von Siegfried Matlok Respekt. Nicht zuletzt weil der deutsche Minister seine Rede bei der Einweihung des Flucht-Museums in Oksbøl auf Dänisch hielt. Der Vergleich des Grünen-Politikers zwischen dem deutsch-dänischen Grenzland und der Donbass-Region reizt den Senior-Korrespondenten allerdings zum Widerspruch.

Der Aufstieg des Flensburger Grünen-Politikers Robert Habeck aktuell zum beliebtesten Politiker Deutschlands ist bewundernswert. Das Wort „populär“ würde er selber nicht gern in den Mund nehmen. Habeck ist aber zweifelsohne gegenwärtig im politischen Spiel ein Gewinner der gegenwärtigen Krise. Wie er seine Doppelfunktion als Minister für Wirtschaft und Klimaschutz glaubwürdig meistert, ist schon beachtlich, und das hatten ihm selbst manche Freunde so nicht zugetraut.

Habeck hat oft dozierend-philosophische Züge, seltene Eigenschaften eines Politikers, der gleichzeitig pragmatische Realpolitik betreiben muss – im Hinblick auf den Konflikt Russland-Ukraine und auch auf seine berechtigten Sorgen in Verbindung mit Energie und Inflation in Deutschland.

Mitten in der auch physisch enormen Belastung des Ministeramtes fand er kürzlich erfreulicherweise Zeit, als Vize-Kanzler die offiziellen Glückwünsche der Bundesrepublik anlässlich des auch mit deutschen Bundesmitteln finanzierten neu eingeweihten Flucht-Museums in Oksbøl zu überbringen.

Dass er seine Rede stolz in dänischer Sprache halten konnte, war sicherlich nicht nur zur Freude der anwesenden Königin. Für Dänemark ist es ein Gewinn, dass es einen führenden deutschen Politiker gibt, der nicht nur sprachlich seine Sympathien für Dänemark bekundet, sondern gerade auch in jenen grünen Feldern Einfluss hat, die Dänemark bei der Klima-Herausforderung bisher erfolgreich beackert.

Hier entsteht eine deutsch-dänische Synthese auch für Europa.

Der Grenzland-Bewohner Habeck, der selbst in Roskilde Humanwissenschaften studiert hat und bei Gyldendal auch gemeinsam mit seiner Frau Andrea Paluch ein dänisches Unterrichtssystem für Deutschschüler unter anderem mit dem Titel „Super“ herausgegeben hat, kennt die deutsch-dänische Geschichte wie kaum ein anderer.

Dies unterstrich er besonders eindrucksvoll 2014 bei seiner Festansprache auf dem Deutschen Tag, wo er die Begriffe Heimat und Patriotismus neu definierte – sich deutlich unterscheidend von der früheren Grünen-Tonart.

Für ihn seien „die Düppeler Schanzen bei Sonnenschein der schönste Ort, wenn man auf den Kanonen sitzend den Blick auf Flensburg richtet“, sagte er in Tingleff.

Vor diesem Hintergrund sahen sich einige Zuhörer bei der Eröffnungsfeier in Oksbøl doch ziemlich verdutzt an, als Habeck einen Vergleich zwischen dem deutsch-dänischen Grenzland und der kriegerisch umkämpften Donbass-Region zog.

„1864 ist das deutsch-dänische Grenzland Europas Donbass gewesen“, stellte Habeck überraschend fest. Diese bemerkenswerte geopolitische Parallele mag vielleicht einer smarten Überschrift dienen, und viele im Publikum, die mehr oder weniger geschichtslos die Verhältnisse von damals gar nicht kennen, werden über diesen Satz auch nicht gestolpert sein, aber dennoch: Einspruch, Herr Vizekanzler!

Dieser historische Deutungsversuch entspricht nicht den Tatsachen, selbst dänische Politiker und Historiker haben längst den zweiten Schleswigschen Krieg 1864 nicht Bismarck (allein) zugeschrieben, wie es noch vor Jahren in Dänemark gang und gäbe war.

Mit Habeck – wie er es in seiner im Übrigen sehr gelungenen Oksbøl-Rede betonte – stimmen wir jedoch gern darin überein, dass heute nur Freude darüber bestehen kann, wie sich das deutsch-dänische Verhältnis mit Mehr- und Minderheiten inzwischen vorbildhaft entwickelt hat.

Das war nicht das Ergebnis deutsch-dänischer Harmonie seit 100 Jahren, wie es manche historisch völlig unkorrekt behaupten, doch selbst in den Zeiten der deutschen Besatzung und des Überfalls auf Dänemark am 9. April 1940 gab es – glücklicherweise – keine brutalen Gewalt-Exzesse an der Zivilbevölkerung, ohne etwa deshalb die Opfer jener Politik zu leugnen oder gar zu vergessen.

Die deutsche Minderheit in Nordschleswig hat sich – angesichts des eigenen nationalsozialistischen Irrweges – zu Recht zu ihrer historischen Mitverantwortung bekannt, aber selbst in schwierigsten Zeiten für die Dänen in den Jahren 1940-1945 hat sie nie eine militärisch-separatistische-gewalttätige Politik geführt wie etwa die russischsprachige Minderheit/Mehrheit im ukrainischen Donbass.

Hitlers Angriff auf Dänemark hat schwere Schäden mit sich gebracht – auch langfristige Folgen für das deutsch-dänische Verhältnis –, aber glücklicherweise haben beide Länder und auch die beiden Minderheiten daraus nach Jahren des Kalten Krieges die richtigen Schlussfolgerungen gezogen, um so die Weichen für gute Nachbarschaft zu stellen. Eine Nachbarschaft, die hoffentlich in der Zeit von Vize-Kanzler Habeck auch im Grenzland weiter ausgebaut wird.

In der deutschen Sprache gibt es den feinen Unterschied: Das Gleiche ist nicht dasselbe. Im Volksmund würde man sagen, man solle nicht Äpfel mit Birnen vergleichen. Wortspiele können zwar flüchtige Medien befriedigen, aber die Substanz muss schon stimmen, denn sonst sind sie gefährliche Früchte, weil eben durch solche Missverständnisse falsche Bilder in den Köpfen entstehen können.

Viele wünschen sich, ja träumen davon, dass die positive deutsch-dänische Entwicklung im Grenzland eines Tages auch in der Ukraine umgesetzt werden kann – dann so oder ähnlich auch mit entsprechenden Minderheitenrechten.

Dass sich ein im deutsch-dänischen Grenzland lebender Politiker wie Robert Habeck in seiner nicht nur für Deutschland führenden Position aktiv für einen solchen Friedens-Prozess einsetzt, ist ermutigend und anerkennenswert, aber selbst die Hoffnung darauf lässt den trügerischen Vergleich mit dem Donbass leider nicht zu.

Deshalb rufen wir dem dänischsprachigen deutschen Vizekanzler gerne zu: Godt ord igen!

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