Sommerreportage

Und dann lebten sie auf einmal auf der Insel

Und dann lebten sie auf einmal auf der Insel

Und dann lebten sie auf einmal auf der Insel

Bettina P. Oesten
Röm/Rømø
Zuletzt aktualisiert um:
Bruni (links) und Birgit in ihrer Hundeboutique in Kongsmark. Ein Merkmal des Ladens sind die Hundehalsbänder und Hundeleinen aus Paracord, die Birgit nach Farbwunsch der Kunden herstellt. Wie man sieht, ist die Farbpalette groß. Foto: Bettina P. Oesten

Nach Burnout und jahrelangem Berufsstress hatten sie die Nase voll, wollten unbedingt raus aus Deutschland und ihr Leben in einem anderen Land noch einmal komplett umkrempeln. „Der Nordschleswiger“ sprach auf Röm mit drei deutschen Familien, die ihre Inselträume wahr gemacht und nach zum Teil schwierigem Anlauf in neuen Berufen Fuß gefasst haben.

Wenn man die Hundeboutique („Hundebutikken“) von Birgit Karp in Kongsmark betritt, kommt einem sofort der Gedanke: „... und jetzt müsste man einen Hund haben“. Der kleine Laden ist einladend bunt, klar strukturiert und lädt auch Nicht-Hundebesitzer zum Herumstöbern ein. Die meisten ihrer Kunden sind natürlich Hundebesitzer, die für ihre Lieblinge aber nicht nur Trockenfutter und Leckerlis kaufen.

Denn unter Tierfreunden hat sich herumgesprochen, dass Birgit etwas ganz Besonderes hat: Hundehalsbänder und die dazu passenden Leinen aus Paracord, die sie in Eigenarbeit herstellt. Wer Sonderwünsche hat, für den arbeitet Birgit nach Ladenschluss oft bis spät in die Nacht hinein, um bereits am nächsten Tag die Kunden mit den Halsbändern bzw. Leinen ihrer Wahl zu beglücken. Stress? Nö, nicht wirklich! Und wenn sie an ihren früheren Job in Münster in Nordrhein-Westfalen zurückdenkt, sowieso nicht.

Eigener Hund war Ideengeber

Dort arbeitet sie jahrelang in der Marktforschung, zuletzt in leitender Stellung. 2003 bewirbt sich Bruni Saliger, gelernte Immobilienkauffrau, bei ihr. Sie kommen sich näher, werden ein Paar. Zusammen verbringen sie die Urlaube auf Röm mit ihrem Hund Armani. Wenn der seine mitgebrachten Lieblingsknochen ausgelutscht hat, müssen neue aufgetrieben werden. Das erweist sich als gar nicht so einfach.

„Da kam die Idee zu einer eigenen Hundeboutique auf Röm zum ersten Mal auf“, erzählt Birgit, „aber anfangs war es eben nur so ein spinnerter Gedanke.“

Als Birgit in ihrem schnelllebigen Job einen Burnout erleidet und Bruni mit einem Bandscheibenvorfall über längere Zeit zu Hause bleiben muss, ist für beide klar: So kann es nicht weitergehen. Wenn nicht jetzt über einen Neubeginn nachdenken, wann dann? Sie beginnen zu recherchieren.

In ihrer kleinen Eisdiele werden die Eiskugeln von Bruni sehr großzügig portioniert. Auch im Angebot: Lakritzwaffeln sowie vegane Milkshakes aus Hafermilch. Foto: Bettina P. Oesten

Überraschende Botschaften

Das Ziel ist klar: Röm. Hier ticken die Uhren einfach noch ein bisschen anders. Bestärkt werden sie in ihrem Vorhaben durch kleine Zufälle, die sie als Zeichen deuten, zum Beispiel, als vor ihnen auf einer Straße irgendwo in Nordrhein-Westfalen plötzlich ein 10-Kronen-Stück herumliegt.

„Für mich war die Botschaft eindeutig: Nicht lange überlegen, einfach machen“, so Birgit.

Auf einmal geht alles ganz schnell. Sie knüpfen Kontakte zur Insel, erstellen einen Business-Plan, übernehmen 2012 ihren ersten kleinen Laden in Kongsmark. Die Kommune Tondern stellt ihnen Ansprechpartner aus der Wirtschaft zur Verfügung. Den Wechsel auf die Insel erleben sie als unbürokratisch. Einzige Bedingung: Eigenkapital oder festes Einkommen, Lebensmittelpunkt auf Röm.

Nach etwas schwierigen Anfangsjahren sind sie inzwischen auf der Insel ihrer Träume angekommen, sind in einen größeren Laden umgezogen, haben einen festen Stamm an Kunden. Und sie sind mit Leidenschaft bei der Sache, auch wenn sie oft Überstunden schieben müssen. Seit 2019 betreibt Bruni gleich nebenan eine kleine Eisdiele mit italienischem Eis. Es läuft gut für die beiden. Ihr Konzept von einem Neubeginn ist aufgegangen.

„Am Anfang haben uns die Inselbewohner etwas argwöhnisch beäugt, nach dem Motto: Zwei Frauen aus Deutschland eröffnen einen Laden mit Hundeaccessoires? Kann das gutgehen? Und wozu braucht ein Hund ein Kuschelbett? Inzwischen gehören wir und unser Laden auf Röm einfach dazu“, freuen sich Birgit und Bruni.

Brigitte (vorn), Sybille und Jens aus Nordrhein-Westfalen fühlen sich als Stoffladenbesitzer auf Röm pudelwohl und möchten auf jeden Fall bis zur Rente dort bleiben. Der Laden findet besonders in der Hochsaison großen Zuspruch. Dann bilden sich vor dem Zuschneidetisch oft lange Schlangen. Foto: Bettina P. Oesten

Küstenträume

Sybille Steinbach hatte einen gut bezahlten Job als Geschäftsführerin eines IT-Unternehmens in Braunschweig, als plötzlich alles anders kam. Das Unternehmen wurde verkauft. Aufgewühlt, aber mit einer hübschen Abfindung in der Tasche, stand sie vor der Frage: Was mache ich mit dem Rest meines Lebens? Irgendwie war klar: Etwas komplett anderes sollte es sein, am liebsten in einem völlig neuen Umfeld.

„Wenn einem schon die Möglichkeit geboten wird, noch einmal ganz neu anzufangen, dann sollte man wirklich nur das machen, wofür man brennt“, so ihre Devise.

Das Leben an der Küste war schon immer ihr Traum. Mit ihrem Mann fährt sie 2014 nach Fanø. Als Kind und Jugendliche verbrachte sie mit ihren Eltern und ihrem Bruder die Sommerurlaube dort. Vielleicht wird es ihre neue Heimat?

Neues Zuhause nach acht Wochen

Auf dem Rückweg machen sie einen Abstecher nach Röm, um auch mal diese Insel kennenzulernen. Auf der Hauptstraße nach Havneby kommen sie an einem Haus vorbei, das zum Verkauf steht. Sybille verliebt sich auf der Stelle. Acht Wochen später gehört das Haus ihr. Ihr Mann zieht im doppelten Sinne mit und kündigt seinen Job bei VW in Wolfsburg.

Nach zwei Jahren auf der Insel macht sie ihr leidenschaftliches Hobby, das Nähen, zum Beruf, erwirbt ein altes Reetdachhaus und eröffnet dort einen Laden für Stoffe und Nähzubehör, stellt zwei dänische Mitarbeiterinnen ein. Es ist nicht irgendein Stoffladen. Bis unters Dach stapeln sich in den urgemütlichen Atelierräumen und im Lagergebäude an die 10.000 Stoffballen aller Qualitäten und Farben. Dazu Garne, Bänder, Knöpfe, Zipper und Schnittmuster. Wer hier nicht fündig wird, sucht karierte Maiglöckchen.

Ein Traum für Selbstnäher: An die 10.000 Stoffe und jedes nur erdenkliche Zubehör bietet der Laden „Rømø Manufaktur“. Foto: Bettina P. Oesten

Inzwischen haben auch ihr Bruder Jens und ihre Schwägerin Brigitte ihre Jobs bei VW bzw. in der Flüchtlingshilfe aufgegeben, sind nach Röm gezogen und ins Geschäft mit eingestiegen. Die beste Entscheidung, die sie treffen konnten, so ihr vorläufiges Fazit.

„Mein Arbeitgeber hat mich acht Jahre freigestellt. Ich hätte also die Option, wieder in meinen alten Beruf zurückzukehren, wenn es hier gar nicht geht. Inzwischen ist für mich aber klar: Ich werde mindestens bis zur Rente hier bleiben. Was danach ist ... schauen wir mal“, sagt Brigitte.

Noch ist der Stoffladen ein Zusatzgeschäft, im Winter läuft es eher mau, der rege Zulauf im Sommer und der Online-Verkauf können das noch nicht ganz auffangen. Aber der Zugewinn an Lebensqualität, da sind sich alle drei einig, macht es wieder wett, und außerdem: Die Erfolgskurve zeigt nach oben.

Von Berlin nach Röm: Den Großstadtstress hat Katrin Wegner schon längst abgelegt, ihre flotten Berliner Sprüche zum Glück noch nicht. Foto: Bettina P. Oesten

Von der Schulbank weg engagiert

Katrin Wegner kommt gebürtig aus Fürstenwalde, lebte 30 Jahre in Berlin mit Mann und zwei Töchtern. Eigentlich war ja alles gut so wie es war: feste Jobs, schöne Wohnung, viel Kultur. Wäre da nicht dieser alte Traum von Dänemark gewesen. Die gelernte Sekretärin lässt sich zur Kosmetikerin und Masseurin ausbilden, lernt von der Steinmassage über Ylang-Ylang bis hin zu Ayurveda-Techniken alles, was überall auf der Welt, so auch in Dänemark, im Wellnessbereich nachgefragt wird.

Am 16. Juli 2009 wird ihr in Berlin um 14 Uhr ihr Abschlusszeugnis überreicht. Zwei Stunden später steht ihr Mann mit gepackten Koffern vor ihrer Schule, bringt sie nach Röm, wo sie tags darauf ihren Dienst im Spa-Bereich des Hotels Kommendørgården antritt.

Während sie in ihrem neuen Beruf erste Erfahrungen sammelt, kehrt ihr Mann, selbstständiger Elektromeister, nach Berlin zurück, kündigt Wohnung und Versicherungen und verkauft seinen Geschäftsanteil an seinen Kompagnon. Auf Sylt findet er einen neuen Job, in Havneby erwerben sie ein Haus. Er wird zum Pendler genau wie sie, die heute dreimal die Woche im Wellnesscenter von Hvidbjerg Strand in Blåvand arbeitet. Ebenfalls dreimal die Woche bietet sie kosmetische Behandlungen und Massagen in ihrem eigenen kleinen, aber feinen Wellness-Studio am Gl. Færgevej in Kongsmark an.

Mit einem Smiley im Gesicht zur Arbeit

Und? War es die richtige Entscheidung, nach Dänemark zu gehen?

„Ja, unbedingt. Heute sagen wir: Nie wieder zurück nach Deutschland, aber was in zehn Jahren ist, wissen wir nicht, und das ist auch in Ordnung so. Wir lieben unser Leben hier, fernab von Großstadtstress und nerviger Parkplatzsuche. Wir gehen jeden Tag mit einem Smiley im Gesicht zur Arbeit, und nicht mehr mit Bauchschmerzen, so wie es oft in Deutschland der Fall war. In Dänemark arbeitet man viel entspannter, und man erfährt Wertschätzung. Und wenn einem die Decke im Winter mal auf den Kopf fällt, na, dann fährt man eben schnell nach Flensburg, Hamburg oder ooch Berlin, wa“, zieht Katrin mit blitzenden Augen hinter der runden Brille positive Bilanz über ihr dänisches Auswanderer-Abenteuer.

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