Der Versuch einer Hühnerhaltung

Ein Hahn ist kein Huhn – und das erste Ei im Wassertrog …

Ein Hahn ist kein Huhn – und das erste Ei im Wassertrog …

Ein Hahn ist kein Huhn – und das erste Ei im Wassertrog …

Nordschleswig
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Futterspender Mensch – Hühner verlieren schnell ihre Scheu. Foto: Karin Riggelsen

Eigene Hühner halten – warum denn eigentlich nicht, dachte sich Nordschleswiger-Redakteurin Sara Wasmund. In ihrem Erlebnisbericht schreibt sie über ihre Erfahrungen – und warum das Sprichwort „die Bratwurst findet man nicht im Hühnerstall“ bei ihr nicht zutrifft.

Es ist der 12. Mai, und hinter mir im Auto sitzen acht junge Hühner. Still und tief geduckt schaukeln sie in dem hölzernen Taubenverschlag geschmeidig von links nach rechts, während wir über die Landstraße von Sottrupskov nach Hause fahren. Nach Hause – das ist für die Hühner ab sofort bei mir zu Hause. Wenn die wüssten, dass all mein Wissen zur Hühnerhaltung angelesen und ausgesprochen löchrig ist. Aber nun. Irgendwann muss man ja auch mal etwas Neues wagen.

Eigene Hühner – seit ich in Nordschleswig auf einem Resthof mitten auf dem Land wohne, denke ich darüber nach. Stall und Gehege waren vorhanden, fehlten also nur noch Fachwissen und Hühner.

Die kleine Farm am Alsensund

Ich entscheide, es einfach mal zu versuchen. Meine Vermieterin stimmt dem Vorhaben begeistert zu, und so fahren wir zum Hobbyzüchter um die Ecke. Wir entscheiden uns für fünf weiße Sussex, zwei schwarze Australorp sowie ein graubraunes Wyandotte. Eine bunte Schar Hühner für unsere kleine Farm am Alsensund.

Entgegen meinen Befürchtungen von wild umherflatternden Hühnern im Laderaum meines Autos, scheint den Hühnern die Fahrt zu gefallen. Okay, vermutlich sind sie starr vor Angst, aber vielleicht gefällt es ihnen ja doch.

Auf dem Hof angekommen, trage ich den Koffer voll Geflügel vorsichtig in den Stall, öffne die Luken – und schiebe eine nach der anderen sanft aber bestimmt aus dem Körbchen. Vorsichtig, ganz vorsichtig trauen sich die Tiere, ihre Krallen auf den ungewohnten Untergrund zu setzen. Sand in einem Teil des Stalls, Späne und Heu im anderen. Außerdem ein Sandkasten zum Wälzen, den die Hühner jedoch vom ersten Tag an zum Bett umfunktionieren.

Happy Huhn mit happy Halterin Foto: Karin Riggelsen

Der Alltag als Hühnerbesitzerin beginnt

Ich hatte zuvor im Landhandel meines Vertrauens drei Säcke Junghühner-Aufzucht-Vollfutter gekauft, alte Tröge geschrubbt und zu Wasserspendern umfunktioniert, einen verbeulten Futterspender entstaubt und mit dem Futter befüllt. Es konnte losgehen.
Am nächsten Tag dürfen die jungen Hühner zum ersten Mal in den Auslauf. Mein Alltag als Hühnerbesitzerin beginnt. Schnell stelle ich fest, wie ungemein wenig Arbeit anfällt. Morgens und abends die Luke zum Auslauf öffnen und schließen, einmal am Tag den Futterspender und die Wassertröge füllen, alle sieben Tage fege ich den Stall aus und tausche Späne und Heu im „Bett“ aus.

Die Wochen vergehen. Ich lerne dazu. Und notiere, dass Hühner auf Spaghetti abfahren, Wassermelone im Sommer ein großes Hallo im Auslauf hervorruft und dass das Sprichwort „die Bratwurst findet man nicht im Hühnerstall“ bei mir so nicht stimmt. Da lachen ja die Hühner – es ist eine wahre Wonne zu beobachten, mit welchem Appetit die Geflügelschar die übrig gebliebenen Grillwürstchen vom Vortag zerfetzt und verschlingt. Und ich stelle fest: Hühner gehen tatsächlich immer dann ins Bett, wenn es dunkel wird.

Das erste Ei

Am 26. Juli finde ich es: das lang erwartete erste Ei. Es liegt in einem flachen Wassertrog, ausgerechnet. Wollen die mir damit was sagen? Sie sind halt auch Anfänger – so wie ich. Schnell folgen weitere Eier, und ganz ohne mit den Hühnern darüber gesprochen zu haben, legen sie ihre zerbrechliche Ware in die von uns aufgestellten und auf der Hühnerleiter festgeschraubten Eimer, die mit Heu gefüllt und den Damen offenbar zur Eiablage genehm sind. Abgeschirmt, höher stehend, weich. Sie setzen sich gehorsam ins gemachte Nest. Und jeden Tag frage ich mich im Stillen, während ich die Eier aus dem Nest hole: Was war denn nun erst da, das Ei oder das Huhn?

Ein schwarz-weißer Fächer: die Sussex-Hühner Foto: Karin Riggelsen

Wettbüro oder Braten auf dem Tisch

Aber apropos Damen. Im Laufe des Juli entwickelt eines der Australorps einen für Huhn doch eher unüblichen Kamm. Einen geradezu unverschämt rot leuchtenden, stetig wachsenden Superkamm. Als das erste ungeübte Krähen aus dem Hühnerstall dringt, steht fest: Dieses Huhn ist ein Hahn. Da war ein Hahn im Korb! Nun denn, warum nicht. Wochen später, der Herr in Schwarz punktet optisch mit ins Bodenlose wachsenden blaugrün schimmernden Schwanzfedern und Rumgegockel, da enttäuscht mich auch mein Lieblingshuhn, die graubraune Leni, die ich aufgrund ihres mutigen und zutraulichen Charakters nach meiner Nichte benannt habe. Ihres, von wegen. Denn plötzlich kräht auch die bis heute völlig kammlose Leni! Zwei Hähne sind nun wirklich einer zu viel. Sobald es zu Hahnenkämpfen kommt, mache ich entweder ein Wettbüro auf – oder Lennox kommt als Braten auf den Tisch.

Das mit dem Schlachten ist so eine Sache. Ich habe es vor, denn wenn ich Hühnchen esse, dann lieber glückliche. Spätestens wenn die Hühner im kommenden Frühjahr brüten und Küken kriegen, können wir nicht alle behalten. Schon gar nicht, wenn Hähne darunter sind.

Pfeifen und mit dem Futter rascheln: Die Hühner kommen mittlerweile auf Zurufen angerannt. Foto: Karin Riggelsen

Hühnerhaltung: Anfängertipps

• Meine Hühner waren bei der Anschaffung zwischen 6 und 9 Wochen alt und haben 40 Kronen pro Tier gekostet. Das Eierlegen begann etwa im Alter von 18 Wochen.
• Der Stall sollte gegen Fuchs, Ratten und Marder abgesichert sein, ebenso das Gehege.
• Als Einstreu eignen sich Sand, Späne, Heu, Stroh und trockenes Laub, aber auch ganz hervorragend getrockneter Rasenabschnitt aus dem Garten.
• Altes Brot, gekochtes Gemüse, Nudeln, Reis, Käsereste, übrig gebliebene Würstchen vom Grillfest: Die Hühner sind wirklich ALLESfresser und lieben jede Art von Küchenabfall. Als Grundfutter gibt es fertige Mischungen im Landhandel, die man mit Muschelschalen (Kalklieferant für die Eierschale) und Körnern anreichern kann.

„Wer Fleisch isst, sollte auch schlachten können“

Also werde ich es mir beibringen lassen, das Schlachten und Ausnehmen. Dann bin ich nicht mehr nur der Konsument, der sein Fleisch aus der Fleischtheke bezieht, sauber verpackt und längst tot. Ich persönlich finde, wer Fleisch isst, sollte das Tier auch schlachten können. Anonymes Fleisch kaufen kann jeder.

Glücklich sind meine Hühner, so viel wage ich zu behaupten. Seit Mitte August spazieren sie durch Garten, Hof, Stall und über die Felder, scharren hier und picken dort, wälzen sich in den Rabatten und legen heimlich Reservenester im Gartenbeet an. Ich finde sie alle. Beim Frühstück im Garten ist man stets von einer Schar Hühner umgeben, die längst jede Scheu abgelegt haben und dem Kleinkindbesuch den Ziegenkäse aus dem Händchen picken. Sie lassen sich mit einer raschelnden Schale Körner oder wahlweise Melone schnell wieder ins Gehege locken, gehen abends bei Sonnenuntergang brav ins Nest, und die Eierproduktion ist mittlerweile auf vier bis fünf Stück täglich angewachsen. Wer mit dem Gedanken spielt, sich Hühner anzuschaffen, den kann ich nur dazu ermuntern: Es macht unglaublich wenig Arbeit und unglaublich viel Freude. Vom Genuss der Frühstückseier mit ihren tieforangenen Dottern ganz zu schweigen.

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