Literatur

Leben auf den Trümmern des Sozialismus

Leben auf den Trümmern des Sozialismus

Leben auf den Trümmern des Sozialismus

Hamburg
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Foto: Suhrkamp

Swetlana Alexijewitsch hat mit „Secondhand-Zeit. Leben auf den Trümmern des Sozialismus“ eine Bestandsaufname der Menschen in der ehemaligen Sowjetunion, 30 Jahre nach dem Zusammenbruch, geliefert.

Fast 30 Jahre sind vergangen seit dem Zerfall des Sowjetimperiums. Und das Undenkbare geschah: Die Russen entdeckten die Welt, und die Welt entdeckte die Russen.

Das Buch „Secondhand-Zeit“ erzählt vom Leben und von Erfahrungen im sowjetischen Kommunismus. Für ihre Recherche zum Buch sprach die Autorin mit Menschen, die die Sowjetunion liebten, mit Menschen, die sie hassten und mit Menschen, die an ihr verzweifelten - bis zum Suizidversuch.

Ihre Zeitzeugen sind Soldaten, Hausfrauen, politische Funktionäre, Flüchtlinge – und jeder erzählt seine Geschichte anders.

Swetlana Alexijewitsch gibt ihnen eine Möglichkeit sich auszusprechen. Eine Möglichkeit, die die Sowjetleute früher nicht hatten.

Swetlana Alexijewitsch

1948 in der Ukraine geboren und in Weißrussland aufgewachsen, lebt heute in Minsk. Ihre Werke, in ihrer Heimat verboten, wurden in mehr als 30 Sprachen übersetzt. Sie wurde vielfach ausgezeichnet, 1998 mit dem Leipziger Buchpreis zur Europäischen Verständigung und 2013 mit dem Friedenspreis des Deutschen Buchhandels. 2015 erhielt sie den Nobelpreis für Literatur.

Der Patriotismus hatte für die Sowjetunion oberste Priorität und wurde durch die Politik gezielt forciert.

Eine interviewte von Alexijewitsch Frau glaubte ehrlich, dass sie ein großes Land aufbaut. Die Zeitzeugin erzählt, dass sie mit anderen Menschen hinausfuhr, um Bäume zu fällen und Bahnschwellen zu schleppen. Alle wohnten in Baracken. Rundum war nur Taiga und mannshoher Schnee. Die Arbeiter aßen Brei und ab zu Fleisch vom selbst getöteten Bären. Die Arbeiter litten unter Skorbut und Läusen. Um sich bei Laune zu halten, sangen sie patriotische Lieder. Das Gefühl, dass sie alle für ein unbesiegbares Land geschuftet haben, hat sie nie verlassen.

Neben dem Patriotismus diktierte die kommunistische Elite auch die zwischenmenschlichen Verhältnisse. Das Denunzieren von Verwandten und Freunden wurde zur Bürgerpflicht erklärt. Damit erklärte sich die sogenannte „revolutionäre Wachsamkeit“. Ein Nachbar denunzierte seinen Nachbar, obwohl er zuvor ganz nett und höflich zu ihm war. „Er hatte sogar unseren Zaun repariert“, erinnert sich die Tochter des denunzierten Mannes im Interview mit der Autorin.

Die Sowjetunion trat vor ihrem Volk als gnädiger Machthaber auf, die die Wünsche ihrer Bürger erfüllte.

Eine Zeitzeugin erzählt davon, wie ihre Familie jahrelang in einer Baracke lebte. Von der Regierungsseite erklärte man, dass sie nur zwei oder drei Jahre in der Baracke wohnen sollten – danach sollten sie eine eigene Wohnung bekommen. Man habe sie auf die sogenannte Warteliste für eine eigene Wohnung gesetzt. Insgesamt vergingen zwanzig Jahre und bekommen habe sie nichts. Die interviewte Frau will sich selbst offensichtlich beruhigen und meint: Manche Familien haben auch dreißig Jahre auf eine Unterkunft gewartet. Später nach der Wende hieß es, alle sollten für sich selbst sorgen. Die Leute waren enorm verzweifelt.

Die Wende hat die sowjetische Gesellschaft gespalten. Viele freuten sich über ein neues freies Leben und gaben zu, man sei auf die Freiheit nicht vorbereitet gewesen.

Einige waren jedoch unzufrieden mit dem Zerfall des sowjetischen Imperiums: Sie warfen Michail Gorbatschow vor, ihr großes Land für Pizza und Kaugummi verkauft zu haben.

Eine von Alexijewitsch interviewte Dame bringt es auf den Punkt: „Kommunismus ist wie Alkoholverbot: es ist eine gute Idee, aber sie funktioniert nicht.“

Die Perestroika, das zeigt das Buch, hat Frust und Verzweiflung gebracht. Die Menschen waren auf den kapitalistischen Schock nicht vorbereitet. Wie kleine Katzen wurden sie ins kalte Wasser geworfen und mussten lernen, zu schwimmen.

Der sozialistische Mensch sollte ab sofort nicht mehr in den langen Schlagen stehen, die Supermärkte waren gut gefüllt. Man durfte die vorher verbotenen Bücher lesen, verbotenen Filme schauen. Man durfte Politiker kritisieren.

Aber die Menschen zerbrachen am sozialen Elend. Durch dubiose Kreditgeschäfte gingen Familien kaputt, viele Menschen begingen Selbstmord. Die russische Mafia übernahm die Kontrolle über die Wirtschaft – und: Sie griff hart durch, wenn sie ihre Schutzgelder nicht bekam. Sie begnadigte keinen: Sie folterten, brachen ihren Opfern die Knochen, entführten ihre Kinder, stellte Bügeleisen auf Bäuche der Schwangeren.

So hat das neue Leben im neuen Russland angefangen.

Eine literarische Kritik des Buches kann man sich getrost schenken. Das Buch ist eine Dokumentarschrift. Es mag sein, dass es manchen nicht gefällt, wie sie ihre Heimat darstellt. Aber: Das Buch wurde nicht nach dem Motto „die Bösen sind immer die anderen“ geschrieben. Es wurde geschrieben, um eine Antwort zu finden, warum Bürger in so einem riesigen Land wie der Sowjetunion der sowjetischen Macht so selbstlos vertraut haben. Möglicherweise aus Mangel an Alternativen.

Secondhand-Zeit - Leben auf den Trümmern des Sozialismus

Von Swetlana Alexijewitsch. Aus dem Russischen von Ganna-Maria Braungardt. Suhrkamp Taschenbuch 4572, Taschenbuch, 569 Seiten kosten in Deutschland 11,99 Euro. ISBN: 978-3-518-46572-1

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