DANSK-TYSK MED MATLOK

Wichtig für die deutsche Seele

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DN
Berlin
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Interview mit Dagmar Hovestädt und Siegfried Matlok beim „Bundesbeauftragten für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes der ehemaligen Deutschen Demokratischen Republik“ in der Karl-Liebknecht-Strasse in Berlin Foto: DK4

Ein Mann bespitzelt jahrelang seine eigene Ehefrau, eine Dänin, für die Stasi der DDR. In der Sendereihe „Dansk-tysk med Matlok“ berichtet Dagmar Hovestädt, Sprecherin des Bundesbeauftragten für die Stasi-Unterlagen auf DK4 über diesen Fall, die Stasi und die Aufarbeitung.

Der Däne Knud Wollenweber spionierte als „IM Donald“ jahrelang gegen seine deutsche Frau und Mutter ihrer Kinder, Vera Lengsfeld. Dieser aufsehenerregende Fall ist auch in einem dänischen Buch unter dem Titel „Knud og Vera“ eindrucksvoll geschildert. Es ist aber nur einer von vielen tragischen Fällen, die sich in Dokumenten im Zentralarchiv der Stasi in Berlin inzwischen über eine Gesamtlänge von 111 Kilometern erstrecken – vergleichbar mit der Bahnstrecke Stuttgart-Mannheim. Und die Arbeiten sind noch längst nicht abgeschlossen, wie aus einem Fernseh-Interview mit der Sprecherin des Bundesbeauftragten für die Stasi-Unterlagen, Dagmar Hovestädt, hervorgeht.

In der Sendereihe „Dansk-tysk med Matlok“ berichtet Dagmar Hovestädt auf DK4 über Hintergründe von „Knud og Vera“. „Ein Fall wie IM Donald, wo der eigene Ehemann quasi der Stasi berichtet hat, war nicht Alltag. Es zeigt das Prinzip, ich benutze jemanden, der sehr nah dran ist, um das Vertrauensverhältnis staatlicherseits zu missbrauchen. Die Stasi war voller psychologischer Kenntnis der menschlichen Natur und darin sehr stark. Das hat sie gegen die Menschen benutzen können. Mich hat z. B. sehr beeindruckt, wie langanhaltend dieser Verrat gedauert hat. Es gibt einige herausgehobene Fälle von Rechtsanwälten, die gerade Menschen im oppositionellen Milieu vertreten haben.“ Als Beispiel nennt die Journalistin und Politikwissenschaftlerin den Fall des inzwischen verstorbenen Rechtsanwalts Wolfgang Schnur, der als Vertrauenspartner Menschen in Not als Stasi-IM missbraucht hat. „Vor einigen Jahren fand eine Veranstaltung statt, auf der 70 Menschen, die ihn in der DDR-Zeit erlebt hatten, mit einem großen Fragezeichen versehen waren: Wie kann ein Mensch so etwas tun, wie kann er mich verraten, er wusste, in welcher Situation ich mich befand, und dann redet er mit der Stasi.“

Die Stasi hat sich da „sehr geschickt reingegraben“, hat Menschen benutzt und manipuliert, um an dieser Stelle anzusetzen. „Das ist das, was man grundsätzlich in diesem Archiv lesen kann, wie manipulierbar Menschen sind, wie ein Staat die Gutgläubigkeit, die Freundlichkeit, aber auch den Ehrgeiz und die schlechten Seiten nutzt. Von diesem System kann man lernen, wie es die schlechteren Seiten der Menschen herausgezogen hat, um die Machterhaltung einer Partei zu sichern.“

Die Frage, ob die Entscheidung, die belastete DDR-Vergangenheit sozusagen über das Stasi-Archiv zu bewältigen, richtig gewesen ist oder ob eine südafrikanische Lösung mit einer Versöhnungskommission unter Leitung von Bischof Tutu nicht auch für Deutschland der bessere Weg gewesen wäre, antwortet Dagmar Hovestädt:

„Den Begriff Stasi finden alle schrecklich, er hat mit Verrat, mit Durchdringung der Gesellschaft zu tun, mit Bespitzelung und ständiger Überwachung. Vergangenheit ist aber dann eine Belastung, wenn man gar nicht darüber redet. Der Glaube ist, dass die Aufklärung dazu hilft, den Weg der Versöhnung zu gehen. Die Deutschen haben ja kurz überlegt, ob sie nach südafrikanischem, argentinischem oder chilenischem Vorbild eine Art Wahrheitskommission machen sollten, die Südafrikaner streiten noch heute darüber, ob es so richtig gelungen ist. Im Bundestag wurde eine Enquete-Kommission gebildet, fast eine Wahrheits-Kommission, aber doch akademischer, sachlicher geleitet. Wir beschäftigen uns nun seit 30 Jahren mit diesen Fragen. Wir haben viel aufgeklärt. Was jedoch richtig schwierig ist: die Wunden zu heilen, die sich die Menschen einander zugefügt haben. Da sind wir immer noch ein Stück davon entfernt, obwohl diese Einrichtung für die Opfer der SED-Diktatur, für Tausende von Menschen, deren Lebensläufe umgekippt worden sind, die im Knast gelandet sind, an der Grenze erschossen worden sind und deren Leben auch in früheren Zeiten durch Arbeitslager und durch Todesurteile frühzeitig beendet wurden, für alle diese Menschen symbolisch eine ganz wichtige Geschichte ist für ihre Seele. Diese Gesellschaft will nicht vergessen, sie will erinnern.“

Anlässlich des 30. Jahrestages des Mauer-Falls sendet DK4 in den kommenden Wochen sechs Matlok-Interviews.

Das gesamte Interview mit Dagmar Hovestädt finden Sie unter https://youtu.be/LrLHLYgvax

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