Kardels Tagebuch: 1914-1918

Einträge von November-Dezember 1918

Harboe Kardel
Frankreich
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Kardels Tochter Elsbeth Kardel Knutz hat unserer Zeitung die eigenhändig abgetippten Tagebücher zur Verfügung gestellt, sodass Der Nordschleswiger bis zum Ende der Aufzeichnungen bis 2018 Kardels Tagebucheintragungen abdrucken kann. Die Einträge sind immer am 1. eines Monats 100 Jahre später abrufbar.

4. November1918.

Gestern gab es einen gemütlichen Tanz- und Singabend bei der Familie Lechien in Bascomp Chapelle. Mlle. Simone, dieser schwarze Wuschelkopf mit den blitzenden

Augen, wer könnte sie vergessen. Es war, wie sie sagte eine kleine Künstlerfamilie in der wir uns sehr wohl fühlten. Leider versagte im entscheidenden Augenblick das Grammophon.

In einer Viertelstunde rückten wir nach Binchezum „Abtransport“.

6. November 1918.

Quand il s`agit de l`amour il faut bien sacrifier quelques minutes”,(der Liebe wegen muss man schon einige Minuten opfern) hatte Mr. Robert zu mir gesagt.

Erst am 5.11um 9 Uhr konnte das Verladen beginnen; solange hatten wir uns in Binche einquartiert im Hotel de la Gare. Die Rampe in Binchewar furchtbar eng.—

Ab Bincheum 1.30. Am nächsten Morgen waren wir glücklich inNivellesund dann in Landen. So scheinen wir doch nachElsas-Lothringenzu kommen, herrlich!

Im Zuge ist es angenehm, Doppelkopf wird gespielt, und nachts machen wir uns lang. Wenn wir morgen früh aufwachen, sind wir in Deutschland.

7. November 1918.

Eben lesen wir, dass in Kiel und Hamburg die rote Flagge gehisst ist. Keine Nachricht hat uns je so betrübt. Die Heimat verliert ihre Würde und liefert uns auf Gnade und Ungnade unsere Feinde aus. Worauf sollen unsere Unterhändler sich stützen, die jetzt zur Front abgereist sind?

9. November 1918.

Gestern Abend um 7.30 wurden wir in Berthelmingenausgeladen und bezogen Quartier in Helleringen. Um zwei Uhr konntenGätgens und ich, in dem Gefühl, dass alles unter Dach sei, uns zum Schlafen legen. Die Einwohner sind nach Sprache und Gesinnung gut deutsch. Der Schullehrer sagte uns, er habe seinen Kindern gesagt, es sei zu bewundern, dass hier alles so ruhig sei wie im Manöver, während in Deutschland große Umwälzungen stattfinden. Unsere Leute sind vernünftig. Wenn sie anders wären, wären sie undankbar gegen ihre Führer, die stets für sie gesorgt haben. Wir haben in jedem Soldaten den Mitmenschen gesehen. Wir stehen auf einsamen Posten. Die Heimat geht andere Wege. Wie sollen wir nach Hause kommen?

Sollen wir vorher Zivilkleider anziehen, um schmachvoller Behandlung zu entgehen?

Ist das der Dank für alle Opfer, die wir der Heimat in 4 Jahren schweren Ringens gebracht haben?

Die Sozialdemokratie fordert den Rücktritt des Kaisers. In 72 Stunden sollen wir Fochs Bedingungen annehmen. Wir müssen`s–ja-.

Die Feldpost ist gesperrt. Wilde Massen schalten und walten in Deutschland.

Armes Deutschland!!

Es ist deutsches Land hier. Jammerschade, dass wir es nicht behalten. Ein alter Bauer sagte zu mir: „Wenn wir nun französisch werden, müssen wir noch einmal zu Schule gehen.“

Die Lehrerin von Helleringenbrachte heutabend wieder viel Neues mit:

„Der deutsche Kaiser, die Könige von Sachsen und Württemberg haben abgedankt. Das deutsche Kaiserreich ist zu Grabe getragen nach kurzer Blütezeit und mit ihm tritt das Geschlecht der Hohenzollern, seit Jahrhunderten bewährt und in manchem Sturm erprobt, vom Schauplatz der Geschichte ab und mit ihm die Wettiner,Wittelsbacherund Zähringer.

Der unglückliche Krieg hat manchen stolzen Bau zusammenfalle lassen. Der Kaiser war ein selten begabter Mann, der wohl das Beste seines Volkes gewollt hat, aber oft schlecht beraten war. „Die Kronen rollen aufs Pflaster.“

Der immer fortschreitenden, nie rastenden Entwicklung ist auch die preußische Königskrone zum Opfer gefallen.

Ebert ist Reichskanzlergeworden. Aber was auch kommen mag, Deutschland steht uns über allem, als Republik oder als Kaiserreich: „Blühe, deutsches Vaterland“!

10. November 1918.

Heute Morgen hielten Hauptmann Waltfriedund Major MeitzenAnsprachen. Sie mahnten zur Ruheund Besonnenheit. Man hört noch immer Schießen.

11. November 1918.

In Saarburg,11 km von hier, sind auch Unruhen vorgekommen. Soldaten haben dort einem Offizier die Achselstücke runter gerissen. Es ist wirklich weit gekommen.

Eben las ich die Waffenstillstandbedingungen der Entente. Sie sind furchtbar hart. Wären wir noch ein aufrechtes, standhaftes Volk, so würden wir sie nicht annehmen, aber wir sind kraft-und machtlos. Alles löst sich auf.

Vergnügter Abend vereinte uns mit der Familie Jung bei Pfänderspiel und Singen.

Sie sangen: „Ach, Moder, ik will en Ding han.“

Unser Abmarsch steht bevor. Schießen hörte ich eben nicht, als ich herüberging. Ich habe nur einenWunsch, dass die 17. Res. Division treu bleiben möge und sich nicht beeinflussen lasse von dem Umsturz.

12. November 1918.

In Hildesheim habe ich gute Quartiere gefunden. Ich fürchte nur, dass andere, sie mir wegnehmen.

Der Waffenstillstand ist perfekt.

Unter Gesang ziehen die Truppen nach Hause.

Der Kaiser soll in Holland sein.

13. November 1918.

Ich schreibe dies in Pfulgriesheim, 9 km nordwärts Straßburg.

Auf Geheiß von Hauptmann Waltfried fuhr ich gestern um 6.30 fort zum Quartiermachen nach Friedolsheim. In Pfalzburg hielt mich ein Posten des Soldatenrats an. Erst als er mir auf der Wache von einem Unteroffizier einen Ausweis geholt und meine preußische Kokarde abgenommen hatte, durfte ich weiterfahren. Ich weinte der Kokarde keine Träne nach.

Lange suchte ich nach dem Bürgermeister. Der Pfarrer hilft mir. An nächsten Morgen schwieriges Quartier machen für Stab und Batterie.

Der Pfarrer feiert gerade mit einem Amtsbruder und einem jungen Verwandten den Waffenstillstand. Er lädt mich ein. Es gibt ein ganz delikates Mittagessen, 2 Sorten Wein, Torte, Obst, Kaffee, Schnaps und Musik. Und lustige , anregende Unterhaltung.

Wie heißt es doch? „Manches feiste Pfäffelein ladet ihn zum Frühstück ein.“ Zum Abschied bat mich der Pfarrer, ich möchte das Elsassin guter Erinnerung behalten.

Als wir im Nachbardorf die 6. Batterie besuchten, nahmen wir auch teil an ihrer Milchkur. Auf dem Hof, wo die ganze Milch aus dem Dorf zusammenkam, tranken wir einen Becher Milch nach dem anderen unter lustigen Scherzen mit den Elsässer Mädchen.

Das Land ist ja auch schön. Auf der Höhe von Reitweilersah ich im Westen die Sonne hinter den Vogesen versinken. Im Osten lag der Schwarzwald und in der Ebene das Straßburger Münster.

Ich wohne im Schulhaus.

15. November 1918.

Unsere Kanoniere haben die preußischen Kokarden abgelegt und tragen rote Bänder. Weshalb ist mir eigentlich nicht ganz klar. Wahrscheinlich aus Opposition gegen den vorigen Zustand. Nur unsere Holsteiner Bauern machen diesen Rummel nicht mit.

Im Wohnzimmer des Lehrers war auch ein Klavier und wir verlebten schöne Stunden. Nun, da ein Sohn und eine Tochter nach Hause gekommen sind, benutzen wir den Gemeindesaal.

18. November 1918.

Nun schlägt alles ins Gegenteil um. Vor dem Umschwung bekamen die Offiziere dem Dienstalter nach E.K.I, jetzt glaubt man es nicht einmal mehr verdienten Offizieren geben zu können, sondern lediglich Unteroffizieren und Mannschaften. Auf diese Weise werde ich den Krieg wohl Ohne E.K.I beschließen müssen.

Fast alle Fahrzeuge tragen rote Fahnen; königstreu rückten sie aus, als Anhänger der Revolution kommen sie wieder.

Welch` schrecklicher Umschwung! Es wird mir schwer, mich in die neue Zeit hineinzufinden.

Wir haben in Sand, nordöstlich OffenburgQuartier bezogen und von den Einwohnern herzlich aufgenommen. Wir mussten gleich gestern Abend von ihrem Weißbrot und ihrer Butter kosten. Bei Lehrer Meyer in Pfulgriesheimwar es auch nett.

In Straßburg bereitet man sich darauf die Franzosen feierlich zu empfangen.

Ohlsenerzählte von dem hübschen Mädchen bei de er inIllkirchwohnte. Der liebedurstige Schuster rauft sich vor Aufregung die Haare.

Scharen von Kriegsgefangenen Strömten über die Rheinbrücke beiKehl nach Straßburg. Sie wurden mit großem „Halloh“ empfangen.

20. November 1918.

Gestern führte ich 13 mit Hafer beladene Wagen von Straßburgnach Sand. Es wird uns wohl nicht gelingen, die riesigen inStraßburgaufgespeicherten Vorräte zu bergen.

Abends war Ball. Unsere „Regimentsmusik“ spielte. In dem „Schwan“ war es zu eng, daher zogen wir mit Musik zur „Blume“. Die Mädchen waren lustig und sangen uns Volkslieder vor, und alle Soldaten betrugen sich musterhaft. Kein Zwischenfall trübte die fröhliche Stimmung.

Den letzten Spazierritt machten Hans Gätgensund ich zusammen in den Schwarzwald, von Sand aus über Appenweier und hart nördlich Offenburgzurück.

24. November 1918.

Am 23.11. mittags 12.30 verließen wir mit unserm TransportzugOffenburgund fahren über Karlsruhe,Heilbronn,Weinsberg, Oehringen u.s.w.

Es ist zum Weinen, dass an unsern Wagen unzählige rote Fahnen flattern. Draussen steht der Feind und drinnen ist Revolution. Ich kann mich der Heimkehr nicht freuen.

Wenn alle deutschen so selbstlos wären wie Jokers in Sand, dann stünde es besser um uns.

25. November 1918.

Wir haben unsern Wagen mit vielen Tannenreisern geschmückt. Mit Kreide geschrieben stehen an ihm folgende Inschriften:

Wir grüßen unsere Heimat.“

Deutscher Gruß den deutschen Mädels.“

Alte Krieger sehnen sich nach Ruhe.“

Die deutschen Mädels, die müsst ihr fragen, ob sie uns Krieger noch gerne haben.“

An einem andern Wagen ist ein französischer General gezeichnet, darunter stehen die Worte: „Ich hab`s geschafft.“

Heut` ist mein Geburtstag.

Wir feierten ihn zusammen mit Bruder Andreasund 3 Flaschen Niederflur.

27. November 1918.

Unsere Fahrt ging weiter über Würzburg, Schweinsfurt, Weißenfels, Merseburg, Halle, Magdeburg, Stendal, Uelzen, Hamburg.

In Halle warfen wir auf das Volk unzählige Liebesgarben herab. Dort kauften wir uns auch eine große schwarz-weiß-rote Fahne, die lustig an unserm Wagen flattert und allen erzählt, dass wir noch gute Deutsche sind und keine Roten.

30. November 1918.

Schön war die Fahrt durch das Flaggengeschmückte Hamburg. ImLockstedter Lagerwaren Mädels mit Blumen an der Rampe.

Hier begann für mich der Krieg, und hier endete er.

In der ersten Nacht habe ich furchtbar gefroren.-

Sehr wohl fühlen wir uns immer im Cafè Schütt, wo es gute Kuchen gibt und wenig Soldaten.

Gestern war ich mit Andreas in Kellinghusen, wo es wie immer sehr gemütlich war.

5. Dezember 1918.

Am Sonntag den 2. Dezember fuhr ich mit Hans GätgensundBruder Andreasnach Kellinghusen. Schlemmerhaftes Mittagessen. Gans--!! Ausfahrt nach Roßdorf.Abends sang ein „ gemischter Chor“.

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