Kardels Tagebuch: 1914-1918

Einträge von Juni 1918

Harboe Kardel
Frankreich
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Kardels Tochter Elsbeth Kardel Knutz hat unserer Zeitung die eigenhändig abgetippten Tagebücher zur Verfügung gestellt, sodass Der Nordschleswiger bis zum Ende der Aufzeichnungen bis 2018 Kardels Tagebucheintragungen abdrucken kann. Die Einträge sind immer am 1. eines Monats 100 Jahre später abrufbar.

1. Juni 1918.

Am 30. Mai machte ich mit den Kanonieren einen Übungsmarsch nach Raverschoot, am 31. Eine Übung mit III/-163-. General der Infanterie v. Carlowitz war auch zugegen. Oberst v. Werder meinte, ich hätte eher auf Höhe 26. Fahren sollen.

Kommandeur von III/-163- ist Rittmeister Palm.

Die gestern nach Brügge zum Scharfschiessen gereisten Offiziere und Unteroffiziere

Kommen schon heute wieder zurück. Sollte der Augenblick des Abrückens schon gekommen sein?

2. Juni 1918.

Ein kurzer Liebestraum ist nun vorüber mit der hübschen Marie Louise de Greve.

Nun haben die hohen Klostermauern sie wieder aufgenommen, aber ich werde nie die schönen Augenblicke vergessen, wenn wir uns für einige Minuten der Aufmerksamkeit der Mutter entziehen konnten. Das war Mein schönstes Erlebnis in Eecloo.

3. Juni 1918.

Der Befehl ist da: „Morgen Abend- 6 Uhr-steht die 6. Batterie verladebereit auf dem Bahnhof von Eecloo.“

6. Juni 1918.

Am 4. Juni 10.01 abends fuhren wir ab. Über Gent, Mons, Aulnoye, Hirson, Marle, Laon erreichten wir am 5. Juni 7 Uhr Versigny und bezogen Quartier im „Lager Baden“ bei St. Nicolas in Herrlicher Waldgegend.

Eben besuchte ich mit Bruder Andreasdas Grab unseres liebenBruder Rudisin Mons en Laonnois.

Wir kannten es ja schon beide im Bilde, aber es ergriff mich, als ich auf den Boden stand, der die sterblichen Überreste unseres lieben, unvergesslichen Heldenbruders

deckt. Zwei frische Kränze lagen auf seinem Grab. Grüße seiner Kameraden vom

3. Bayr. I.R.

Wie ein schöner Garten, so ist das Land zu schauen in dem er schläft, ein Paradies!

Hinten grüßen die Höhen, auf denen er kämpfte und starb. Hoch auf dem Hügel, das herrliche alte Laon,dass auch ihn entzückte.

Aber immer stand ihm sein nordisches Heimatland höher. Warum musste diese unglückselige Granate am 6.9.1917 gerade da einschlagen, wo unser Rudisaß?

Warum? Ich werde nie eine Antwort darauf bekommen. Aber ihm nacheifern! Ihm gleichwerden, immer treu bereit zum Kampf!

8. Juni 1918.

Gestern Abend 10 Uhr rückten wir ab von dem Waldlager bei St. Nicolas. Bis hinter Tergnierwaren die Straßen voll belegt, weil die ganze Garnision marschierte. Wir kamen durch La Fèreund Chauny, durch das im Jahre 1916 von uns aufgegebene Gelände. Aber eigentlich sah man nur an den Ortschaften die Spuren der Verwüstung. Heute Abend geht`s weiter nach Ognolles.

11. Juni 1918.

Dort hatten wir uns kaum niedergelegt, als es hiess: „Weiter nach Roiglise!“ Von dort rückten wir am 10.Morgens 5 Uhr ab nach Crapeaumesnil.

Ich werde als Verbindungsoffizier der II. Abteilung zum Regts. Stab 163 Kommandiert. Mit diesem Ritt ich nach Berliére, wo wir in der Nacht, vom 10. bis 11. In einem Hohlweg neben einem eroberten französischen Geschütz gehörig ausschliefen. Der Chef hier, der alte Oberst Sick ist ein prächtiger Mensch!

13. Juni 1918.

Gestern zugleich mit dem Vormarschbefehl wurde die II. Abteilung dem Reserve I.R. -76- zugestellt, und ich musste – leider—wie derAdjudant Knabjohannsagte—den Regts. Stab 163 verlassen. Südlich des Waldes von Ressonsnahm die II. Abteilung am Nachmittag des 12. JuniAufstellung. Gegen Abend gab es in dieser Gegend einen heftigen Fliegerangriff, dem besonders viele Pferde zum Opfer fielen. Ich kann kaum meine Hütte erreichen ohne auf tote Pferde zu treten.

In der Nacht hat die 6. Batterie wieder Verluste an Menschen und Pferden gehabt.

Der prächtige Gefreite Goldknechtist gefallen. Nun hat sich die Abteilung wieder nördlich des Waldes bereitgestellt.

Was soll sie auch hier mit all` den Pferden? Nichts ist trauriger, als wenn kostbares Blut umsonst vergossen wird.

16. Juni 1918.

Am 14. Juni gegen Abend wurden durch einen Volltreffer 50 Minen, ddie bei unserem Gefechtsstand lagerten, in die Luft gesprengt. Die Explosion griff auch auf 2 Munitionswagen über, die daneben standen. Es war ein furchtbares gekrache, bald von feindlichen, bald von eigenen Geschossen herrührend.

Die 15 Tote Pferde fingen grässlich an zu stinken.

Um 11.30 zogen wir nordwärts, zum König-David-Wald . Von da aus ging ich am Nachmittag zur 6. Batterie zurück, die nördlich des Ressons-Waldes in Stellung gegangen war. Es wird jetzt wieder Stellungskrieg. Wir sollen Protzen-Quartier in La Berlière beziehen.

Morgen soll ich als A.V.O. zu einem Bataillon von I.R. -162-.

20. Juni 1918.

Gestern Abend gab`s eine Schweinerei! Um 10 Uhr abends beschoss der „Franzmann“ plötzlich unser Biwak lager bei La Berliére. Erst um 6.30 morgens hörte er auf. Wir mussten in einem Graben kampieren. 3 Pferde tot und 2 verwundete!

Seit heute sind wir nun am Ostrand des Bois de Bologne, nordwestlich von Conch Alles ist eifrig dabei, Zelte und kleine Hütten zu errichten. Wir sind losgelöst von aller Kultur. Nur für eins ist das gut—für`s Portemonnaie--!

22. Juni 1918.

In der Wahl des Biwakplatzes habe ich einen guten Griff getan. Wie auf einem Jahrmarkt entstanden da mit Affengeschwindigkeit die verschiedensten Buden und Zelte.

Heute Morgen löste ich Lt. Schusterin der Batterie ab und machte gleich einen Rundgang zu den anderen beiden Geschützen und zu der Infanterie. Der Stollen hier ist in Ordnung. Es gibt ein gewisses Gefühl der Sicherheit.

Das ist viel wert.- Nun habe ich endlich mal wieder Ruhe zum Lesen und Schreiben.

23. Juni 1918.

Als ich mich gestern Abend in meiner Kalkhöhle hingelegt hatte, griff der Feind im Abschnitt der 162 er an. Er schien Flammenwerfer zu gebrauchen, die ein mörderisches Feuer entfachten. Ich besuchte das linke Geschütz. In einem Flugzeug nördlich des Lataulè-Waldessaß der verkohlte Pilot noch drin. Ich kann keine Toten sehen. Gott bewahre mich vor solchem Schicksal.

24. Juni 1918.

Mit Hauptmann Waltfriedwar ich heute Morgen vorne. Wir beobachteten die Schüsse der 4. und 5. Batterie zunächst hinter einer Gartenmauer in Lataulèund dann bei unserm Tankgeschütz. Nachher sprachen wir noch bei Hauptmann v. Kalksteinvor, den wir, wie immer, bei guter Laune fanden. Auf dem Rückweg besahen wir den französischen Tank. Hauptmann W. nahm sich eine Krankenbahre mit. Ich einen Stuhl.

Tante Greteschreibt mir aus Kellinghusen, dass ihrSohn Gerhardnoch keinen Nachruf erhalten hat. Ich will an seinen früheren Kompagnie-Führer schreiben.

25. Juli 1918.

In der Nacht belästigte uns der poilu (Franz.Soldat)

durch wohlgezieltes Artillerie-Feuer. Das überzeugte mich von der Notwendigkeit, auch die Bedienung der Geschütze mit in den Stollen zu nehmen. Wir haben Ihn erweitert und die Scheidewand durchstoßen, so dass jetzt genügend Platz ist.

Es ist wieder warm. Aus 2 französischen Munitionskisten hab`ich mir einen Tisch gemacht. Ich sitze vorm Unterstand auf dem vornehmen Stuhl aus Lataulè

26. Juni 1918.

Mit draußen sitzen war`s heute nichts: erstens war`s zu kalt, zweitens wird der Feind ungemütlich. Dreimal hat er uns heute schon befunkt, zuletzt ¾ Stunden lang. Gut, dass wir hier einen so schönen „Heldenkeller“ haben. Ich huldige der Vorsicht, als dem besseren Teil der Tapferkeit. Wenn ich ihr entgehen kann, setze ich mir nicht der Gefahr aus. Ich gehe dahin, wo ich hin muss, wo ich nützen kann, wo meine Anwesenheit notwendig ist. Sonst bleibe ich in meinem Bau.

29. Juni 1918.

Am 27. Juni morgens fuhr ich mit dem Küchenwagen nach hinten, wo jetzt alles sehr nett eingerichtet war. Nachmittags ritt ich mit Lt. Schuster nach Crapeaumesnil zur II. Abteilung. Eigenartig und unheimlich sieht die Landschaft da aus, wo früher die Front war. Wir ritten durch das „Tal des Todes“.

Am 28. abends wollte ich von Roye abreisen, nach Bohain, um meinen Bruder Johannes zu besuchen. Statt des Urlaubscheines kam aber der Befhl, dass ich noch am Abend in der Untergruppe III Dienst tun solle bei Hauptmann Waltfried, um am 30.A.V.O. zu werden bei R.I.I. 76.—

In der Untergruppe lebt es sich angenehm, wir sitzen den ganzen Tag über im Freien.

30. Juni 1918.

Ich sitze in einem Keller am Südausgang von Cuvilly als A.V.O. beim Regts.-Stab 76.

Der eine Tag bei der Gruppe hat mir gezeigt, dass es da auch sehr viele zu tun gibt. Doch wird es leichter, wenn man erst eingearbeitet ist. Im Hofe stehen 2 amerikanische Sanitätsautos.

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