Kardels Tagebuch: 1914-1918

Einträge von Juli 1918

Harboe Kardel
Frankreich
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Kardels Tochter Elsbeth Kardel Knutz hat unserer Zeitung die eigenhändig abgetippten Tagebücher zur Verfügung gestellt, sodass Der Nordschleswiger bis zum Ende der Aufzeichnungen bis 2018 Kardels Tagebucheintragungen abdrucken kann. Die Einträge sind immer am 1. eines Monats 100 Jahre später abrufbar.

2. Juli 1918.

Beim K.T.K., Hauptmann Bernhardt, legte mir Oberst v. WerderFragen vor, die ich nicht beantworten konnte.

In der Nacht sind wieder Kurzschüsse vorgekommen, ein Vizefeldwebel ist verwundet. Fast wäre mir das verhängnisvoll geworden, denn ich hatte auf meiner Meldung an die Gruppe „Braches Dickicht“und „Die Rote Erde“nicht unterschieden. Aber die Hauptschuld trägt wohl die Allgemeine Unklarheit über den Verlauf der vorderen Linie.

Von 11-1.30 beschoss der poilu(Franz.soldat)das Stabsquartier, und ich suchte Schutz

mit den anderen Herren im tiefen Keller. Lt. Menzel wollte nach hinten reiten, aber jedesmal, wenn er Anstalten machte, kam eine neue Salve.

Ich glaube, ich kriege jetzt auch das „Fieber von Noyon“, die Grippe, Lt. von derHeidehat sie jetzt als letzter vom Regiments-Stabe.

3. Juli 1918.

Ich bin umgezogen zum K.T.K. am Westrand des Bessons –Waldes. Mit Vergnügen beobachtete ich an der Compiègner-Strasse. Am Vormittag war es wolkig und kalt. Am Nachmittag fand ich eine Windstille, sonnige Lichtung in der ich wieder durchwärmte.

5. Juli 1918.

Hauptmann Bernharderkrankt plötzlich an der „Spanischen Krankheit“ die übrigens auch in Deutschland viele befallen hat.

Nun bin ich hinten. Wiengreenist im Lazarett, Dobrinerliegt hier krank.

Mein Urlaub nach Bohain ist genehmigt. Ich fahre heute Abend.

Ilse Westedtschreibt mir, dass ihre Schwester Ute die in Godesberg im Pensionat ist mich gesehen hat Wieso?? Edith Waltfriedist auch da, und die hat „ein Bild von ihrem Papa Und seinen Offizieren!“

Um 4.30 erreichte ich Bohain. Noch halb im Schlaf dreht sich der Soldat auf der Ortskommandantur in seinem Bett um, und sagt: „Feldgeistlicher Kardelist nicht mehr hier, der ist versetzt. Im Kriegslazarett erfahre ich von dem Hansbefreundeten

Unteroffizier, dass er in La Capellesei, etwa 35 km östlich.

Nun bin ich auf der Fahrt dahin und freue mich, ihn trotz alledem doch noch zu sehen.

8. Juli 1918.

Mein Herz ist so voll von Gedanken und Eindrücken, dass ich sie gleich jetzt, im ersten Augenblick, da ich wieder allein bin, meinem Tagebuch anvertrauen muss.

Ich fand Bruder Johannes am 6. Mittags in seinem Quartier in La Capelle.

Er lässt sich das Essen holen, und har garnicht die Absicht, mich in den Kreis der Divisions – Offiziere einzuführen, der ihm nicht behagt, bis sie mich hereinholten. Der erste war Graf Schulenberg, der uns sagte, dass es dem Rittmeister Freiherrn v.

Thon-Dittmernicht gefallen habe, dass Johannesmich nicht mitbrachte. Als ich abends dann zum erstenmal hinkam, wurde ich so liebevoll und gastfrei aufgenommen, dass ich davon noch ganz gerührt bin. Sie aßen gut. Ich habe das Dankbar genossen.

Unter ihnen herrschte ein freier, leichter Ton. Nach der Arbeit des Tages waren sie darauf bedacht, wie sie den Abend vergnügt verlebten. Bald hatten sie Theater, bald Kino, bald Konzert, bald Vorträge. Die Schauspieler waren nach der Vorstellung ihre Gäste. Der Freiherr gab den Ton an, der die Umgangsformen und die unvergleichliche Lebensart an sich hatte, die dem Adel eigen ist. Für mich sorgte er besonders gut. Mit ihm harmonierten aufs prächtigste die anderen Herren.

Als ich mich gestern vom Freiherrn verabschiedete, sagte er: „Gott befohlen!“

Johannes meinte, das sei geheuchelt. Er betrachtet überhaupt vieles mit Misstrauen, und wird sich nicht unter ihnen wohlfühlen. Er kann sich nicht an all dem erfreuen,

das ihn umgibt.

Es waren alte Zeiten, die wieder vor mir lebendig wurden, die strenge engherzige Lebensweise, die mir in der Jugend vorgeschrieben wurde, ich erlebte sie wieder.

Die Welt der strengen Scheidung in Bekehrte oder Unbekehrte. Ins Kino gehen, ins Theater, ausgeschlossen! Kein Tropfen Alkohol, statt dessen Tischgebet, Andacht, Kirche, Bad im Freien.

Ich bin ja ein Weltkind und doch: Wie ernst nimmt es Bruder Johannes (Hans)! Wie groß war seine Freude, als er hörte, dass sich inBohain ein Soldat bekehrt habe.

Wie hat er mich doch mit Liebe umgeben in diesen Tagen! Wie groß war seine Freude, als ich kam. Alles hat er mit mir geteilt. Tausend Dank, lieber Bruder, für alles, was Du mir Gutes getan hast.

Mit Professor Rohrmann-Tübingenfuhr ich in einem Abteil. Dieser hielt mir ein kleines geographisch-historisches Kolleg, über die zentrale Bedeutung von Vermond zur Zeit der Römer. Er verabschiedete sich von mir in herzlicher Weise.

Mit Dank gegen Gott nehme ich Abschied von LaCapelle.

13. Juli 1918.

Am Abend des 8. Juli feierte ich bei der 4. Batterie mit Schuster und Martens das E.K. I. von Lt. Trumpf. Am nächsten Tag war ich krank, ich dachte schon ich hätte die Grippe. Doch konnte ich Bruder Andreaseinen kleinen Geburtstagstisch decken und ihn bis zum Abend bewirten, denn sein Geburtstag war am 9.7.

Vom 10-14.7. bin ich A.V.O., 2 Tage bei I.Res. 76: RittmeisterFreiherr Sennfft vonPilsach, 2 Tage bei III. Res. 76:Hauptmann Niemeyer. Persönlich bin ich gut mit allen ausgekommen. Wenn aber jemand Kurzschüsse meldet, kennen sie keine Nachsicht, keine Mäßigung. Es wird weiter gemeldet und ich habe den Ärger davon.

Nützliche, ersprießliche Arbeit in der Batterie ist mir lieber, als dies Geschreibsel, lavieren und widerlegen. So ein Blödsinn. Letzte Nacht sollen unsere Batterien mit ihrem Feuer in und nördlich vonSt. Maurgelegen haben. Die Gruppe verlangt Aufklärung.

Eben erzählt Lt. Rechlin, der wackere Mienenwerfer-Offizier, dass er der Schuldige sei.

14. Juli 1918.

Es gefällt mir gut in dem kleinen Batterie-Führer-Häuschen! Ich bin es ja augenblicklich, denn Lt. Schusterist auf Urlaub, und der gute Hans Gätgensist noch krank. Aber wie soll es mit der Ablösung werden? Lt. Karpinskiist bereits 10 Tage oben, und ich komme heute nach hinten. Ich will ihn baldmöglichst ablösen. Lt. Wiengreenist noch krank. Der alte Wittist wieder eingetroffen.

16. Juli 1918.

Ich muss mich doch über die Unvernunft gewisser Leute wundern. Die Unteroffiziere, die heute Nacht in Stellung sollten, betranken sich unmäßig, und der Unteroffizier Prill hat sich in einer Weise gegen Lt. Wiengreenbetragen, die empörend ist. Das ist der Ruin aller Disziplin! W. suchte bei mir Schutz gegen den rasenden Mann! Ich muss ihm nachher sein wahnsinniges Benehmen vorhalten. Wollte ich nach den Bestimmungen verfahren, so wäre er zeitlebens ruiniert.

Und was ist mit Schuld an diesem widerlichen Auftritt: Der lange Krieg! Ja, er dauert zu lange. Unsere Schwierigkeiten werden immer grösser.

21. Juli 1918.

Am 18. Juli wurde unsere Batterie-Zentrale nach Bellicourt-Fermeverlegt.

Gätgensund ich versuchten zusammen einen neuen Tankgeschützstand am Bessons-Waldeaus. Abends ritt ich zurück.

Leider müssen wir umziehen nach Roye sur Matz.

22. Juli 1918.

Ein gemeiner Diebstahl ist heute Nacht verübt: Von 8 Satteln ist das Leder abgeschnitten. Bei Durchsuchung sämtlicher Unterkünfte fanden wir bei Kanonier H. 2 Konservenbüchsen, die von der Küche vermisst wurden. Er wird wahrscheinlich auch das übrige gestohlen haben.

26. Juli 1918.

Laut Regimentsbefehl wurde ich vom 24.7. ab auf 7 Tage zu einem Antennen Kursus nach Guisekommandiert. Ich war erfreut. Einige Tage in der Etappe--, dazu in Johannes`s Nähe!

Mit Lt. Mühl vom 12. Bay.Feld. Reg. Traf ich um 1 Uhr nachts in Guise ein, und wohneThammstr. 50. Herrgott, welch ein Unterschied gegen die Front! Meine Wirtin heißt Julia. Der Dienst geht unbeschwert, der Ton ist recht kameradschaftlich. Das Essen ist gut. Der Hauptmann Straubehält es nicht nur für seine Pflicht uns zu belehren, sondern auch uns abends zu unterhalten.

Johannesbesuchte mich gestern, mit ihm stand ich oben auf dem Turm der alten Zitadelle und genoss den prächtigen Rundblick.

Ein tiefer Abgrund gähnt zwischen unsern Lebensanschauungen! Ich kann mich doch nicht von der „Welt“trennen. Ich strecke immer meine Hände aus nach dem Höchsten und Glänzendsten. UndJohannesvertraut auf den Spruch: „Was verachtet ist vor der Welt, das har Gott erwählt.“

30. Juli 1918.

Sonntag, den 28. Juli gab`s eine herrliche Autofahrt. Montag war ich im Flugzeug über Guise.Es ist herrlich, so frei im Äther zu schweben und die Erde wie eine farbige Landkarte unter sich zu sehen, aber mich regt das Fliegen zu sehr auf, und ich werde ein Gefühl der Unsicherheit nicht los.

Abends waren wir alle im Divisionstheater. In der Nacht schlief ich köstlich.

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