Leitartikel

„An unserer Seite“

An unserer Seite

An unserer Seite

Apenrade/Aabenraa
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Der Ausgang der Wahl in den USA ist für die Menschen in Dänemark und Nordschleswig nicht unbedingt aus politischen oder wirtschaftlichen, sondern vor allem aus emotionalen Gründen wichtig, meint Cornelius von Tiedemann.

Zur schreibenden Stunde ist noch nicht sicher, ob der Demokrat Joe Biden der 46. Präsident der Vereinigten Staaten wird – oder ob mit Donald Trump der 45. Präsident im Amt bleiben darf. Sicher ist, dass für uns in Dänemark viel von dem Wahlausgang abhängt. Vor allem emotional.

Denn Unsicherheit stresst uns. Hier im kleinen Königreich wollen wir es gerne sicher haben. Trump aber strahlt die Unzuverlässigkeit eines zwielichtigen Autohändlers am Stadtrand aus – auch wenn seine Politik aus republikanischer Sicht durchaus konsequent ist und er in vielen Bereichen tatsächlich tut, was er sagt.

Dänemarks Ex-Außenminister Anders Samuelsen beschrieb es am Wahlabend auf „DR1“ sinngemäß treffend so, dass wir uns in Dänemark immer gerne in Richtung desjenigen Kandidaten orientieren, der unserem sozialdemokratisch geformten Bild eines Politikers am nächsten kommt. Und Biden kommt in seinem Auftreten dem idealen Bild eines Staatsmannes nordischer Prägung eben tatsächlich recht nahe.

Die konkrete Politik, die dahintersteht, ist da fast schon zweitrangig. Die Hoffnung der vielen, die hierzulande und im Rest Europas auf ihn setzen, ist nicht wirtschafts- oder sicherheitspolitisch begründet – wenngleich sich viele hier gewiss unrealistische Vorstellungen machen. Hier geht es um Kultur. Wir wollen die größte Demokratie der Welt wieder bewundern können – anstatt von ihr eingeschüchtert zu werden. Die USA sind schließlich nicht nur militärische und ökonomische, sondern allem voran die kulturelle Supermacht schlechthin.

Dass es auch unter Biden kein Tanz auf Rosen werden wird, um mal eine dänische Redewendung zu leihen, vergessen wir dabei gerne. Vielleicht ist das naiv. Aber Politik ist eben vor allem auch Emotion. Das hat uns Donald Trump vor Augen geführt. Aber auch sein Vorgänger Barack Obama wusste das. Er hat es über zwei Amtszeiten hinweg geschafft, amerikanische Interessen mit solch einer Verve und solch einem Charme durchzusetzen, dass ihm auch heute noch viele Herzen in Europa zufliegen, wie bei seinem Besuch in Kolding 2018 deutlich wurde. Und das, obwohl das Motto „America first“ durchaus auch als Unterzeile seines Wahlspruchs „Yes we can“ hätte dienen können.

Denn ja, auch die Demokraten wollen keine kuschelige Wohlfühl-Weltregierung sein, auch für sie stehen die Interessen der US-Bürger und ihrer Wirtschaft an erster Stelle. Und notfalls, so wie unter Obama, setzen sie dabei auch auf massive Subventionierung der heimischen Wirtschaft unter der Voraussetzung, dass damit Arbeit in Amerika und nicht im Ausland geschaffen bzw. gesichert wird. So hat Obamas Regierung die USA schnell und kraftvoll durch die Finanz- und Wirtschaftskrise geführt, durch die Europa wegen der deutsch-nordeuropäischen Knauserigkeit den angeschlagenen EU-Partnern gegenüber noch jahrelang hinterherhinkte.

Doch ob Bidens Pläne von Investitionen in nachhaltige und klimaneutrale Energie nun den erhofften Boom in dänischen Auftragsbüchern bringen oder nicht, das ist vielen gar nicht so wichtig. Dass ein nordschleswigsches Unternehmen wie Danfoss sich mit Aufkäufen in den USA im Bereich elektrischer Antriebe für jeden Fall – ob Amerika nun noch protektionistischer wird oder nicht – gerüstet haben dürfte, nehmen wir zur Kenntnis.

Den meisten von uns aber ist das, seien wir ehrlich, alles irgendwie egal. Wie viel Prozent welcher Wirtschaftszweig weshalb wächst oder auch nicht, das ist vielleicht wichtig, aber emotional erreicht es uns nur, wenn wir direkt im Exportgeschäft arbeiten. Der Rest von uns will einfach nur tief durchatmen können in dem Wissen, dass das Gespenst vertrieben ist – und dass endlich wieder Sicherheit in der Frage herrscht, wo wir das große Land der Freien haben: an unserer Seite.

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