Diese Woche in Kopenhagen

„Nationale Probleme und ungeklärte Minderheiten-Zukunftsfragen“

„Nationale Probleme und ungeklärte Minderheiten-Zukunftsfragen“

„Nationale Probleme und ungeklärte Minderheiten-Zukunftsfragen“

Jan Diedrichsen
Jan Diedrichsen Sekretariatsleiter Kopenhagen
Kopenhagen
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Jan Diedrichsen, der Leiter des Kopenhagener Sekretariats der deutschen Minderheit in Dänemark, betrachtet die Diskussion um das Haus der Minderheiten und erkennt Konfliktlinien, an denen die MInderheit arbeiten sollte.

Der Generalsekretär des dänischen Grenzvereins, Knud-Erik Therkelsen, hat in einem Beitrag in dieser Zeitung ein spannendes neues Vorhaben des traditionellen Grenzvereins präsentiert: „Minority Changemaker“ soll im Rahmen des Gedenkens an die Grenzziehung von 1920, im kommenden Jahr, Jugendliche aus ganz Europa in einem Seminarverlauf (Højskoleophold) zusammenbringen. Ein spannender Ansatz, der systematisch die Ideen, die immer wieder im Grenzland angesprochen und nur teilweise umgesetzt wurden, eine Stufe weiterbringen könnte.

Warum der Generalsekretär dieses ansprechende Projekt mit einem Stich gegen das „Haus der Minderheiten verkaufen muss, verwundert; wie der gesamte Verlauf des „Hauses der Minderheiten“ eine traurige Angelegenheit ist, die zeigt, dass es auch in unserem Grenzland nötig ist, sich kritisch zu reflektieren – auf beiden Seiten der Grenze.

Man sollte nicht vergessen, dass die FUEN (die über 100 Minderheitenorganisationen in Europa vertritt), einstimmig die Idee eines Hauses der Minderheiten im Grenzland unterstützt hat - mehrmals. Den Argumenten, die der Minderheitenbeauftragte Johannes Callsen jüngst konzis und schlüssig zu Papier gebracht hat, sind beizupflichten. Auf die Hintergründe, warum das Haus der Minderheiten nicht nur in der dänischen Minderheit so ungeliebt bleibt, hat viele Gründe, die zum Teil auch eher im Subtext des Minderheitenkosmos zu suchen sind.

Doch lösen wir uns ein wenig von der Hülle (Haus der Minderheiten). Betrachten wir einige Konfliktlinien, die etwas überspitzt und im normalerweise sehr zum Konsens neigenden Minderheitendiskurs eher nicht thematisiert werden. Etwas abgegriffen und inhaltlich nur schwach fundiert, bleibt das ewige Mantra des Grenzlandes: „Mit unserem Modell sind wir ein Vorbild, das für ganz Europa genutzt werden kann“. Ist dem so? Worin liegt dieses Vorbild? Außer Frage steht, dass wir von „einem Gegeneinander, zu einem Nebeneinander, zu einem Miteinander und nun zu einem Füreinander“ angelangt sind. Aber warum? Liegt das nicht auch entscheidend an der Tatsache, dass sich besonders die Mehrheitsbevölkerungen und Politik bewegt haben und dass die deutsche Minderheit sich von der „Nationen-Logik“ immer weiter verabschiedet hat (die in sehr vielen Minderheiten Europas noch konstitutiven Charakter trägt)? Wer behauptet noch allen Ernstes in Nordschleswig, dass sich die „deutsche Minderheit zur deutschen Nation“ zu bekennen habe?

Vielmehr hat eine bereits „schlummernde“ Regionalisierung und Europäisierung der Minderheiten-Identität die Deutungshoheit erlangt (dies ist eine grobe Vereinfachung, da Identität bekanntlich immer etwas sehr Persönliches ist). Diese verknappt formulierte These sei erstmal ohne Wertung zu betrachten. Wir sind als Minderheit weder nach innen noch nach außen national und haben daher auch keine Konflikte mit dem „Herbergsstaat“ Dänemark. Dieser Logik entsprechend, wäre die Lösung für die Minderheitenkonflikte in Europa einfach: Verabschiedet euch allesamt vom überkommenen Nationengedanke und fügt euch in einer Regionalisierung / Europäisierung und alles wird gut. Dazu sind aber weit die meisten Minderheiten in Europa nicht bereit, und es gibt zahlreiche weitere Faktoren, die gänzlich anders sind, als bei uns im Grenzland (Anzahl, Geschichte, soziale Zusammensetzung, „Siedlungsdichte“, Politik des Staates, in dem die Minderheiten leben etc…). Tritt man als Grenzlandvertreter nun paternalistisch auf und erklärt, „dass seht ihr in einigen Jahrzehnten anders, denn auch wir haben viel Zeit gebraucht“, ist dies ein belehrender Ansatz, der weit an den Lebenswirklichkeiten der Minderheiten in Europa vorbeischießt.

Ich weiß um die Leistungen der Minderheiten und ihrer Vertreter, vor allem in den Zeiten, als der nationale Gegensatz noch stark hervortrat und es Überwindung und Mut kostete, aufeinander zuzugehen. Das bleibt ein (historischer) Erfolg, der heute als Politikansatz jedoch nur wenige vor dem Ofen hervorlocken dürfte. Die große Kunst besteht doch darin, sich der Zukunftsfrage zu widmen, welche Folgen haben das Verschwinden des Nationalen und das Wegbrechen der Gegensätze / der „Feindbilder“? Wie definiert sich die deutsche Minderheit in Zukunft? Was ist das Deutsche an ihr? Ist das Deutsche gewollt – und wenn ja, warum eigentlich? Leben wir nicht in einem Europa, in dem nationale Gegensätze ein Anachronismus darstellen? Reicht also ein kulturelles Bekenntnis (wozu?), um eine Legitimation einer „Minderheitenwirklichkeit“ zu substanziieren?

Manchmal erscheint es mir, das europäische Bekenntnis und der Bezug auf die historischen Errungenschaften, könnten ein Surrogat dafür sein, sich mit der eigenen ungeklärten Lage/Identität allzu intensiv beschäftigen zu müssen. Grundsätzlich gilt es jedoch den komplexen Diskurs zu führen, „was will die Minderheit sein und was heißt es Deutsch in der Minderheit zu sein?“ Wie das vonstatten gehen soll, das ist eine Frage, deren Beantwortung sehr schwierig ist, aber entscheidend für die Zukunft der Minderheit sein wird.

Das Haus der Minderheiten wäre eine Möglichkeit gewesen, sich diesen Fragen zu nähern, indem man sich mit den zahlreichen Minderheitenkonflikten und Minderheiten-Möglichkeiten (denn die gibt es auch!) im Tandem mit der eigenen Identitätsfrage beschäftigt hätte. Weniger aus dem Hintergrund heraus, „wir haben die Lösungen“, sondern mit dem Ansatz „wir suchen Antworten“. Das wiederum, wäre ein Modell-Konstrukt für ganz Europa.

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