EU-Deal

Mehr dänischer Strom in deutschen Netzen: Verbrauchern in SH blüht neue Milliardenlast

Henning Baethge/shz.de
Flensburg
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Foto: Martin Grimm/Ritzau Scanpix

Der EU-Deal für Dänemark führt zu verstärktem Abschalten von Windrädern in Schleswig-Holstein – mit teuren Folgen.

Windmüller in Schleswig-Holstein müssen ihre Anlagen künftig voraussichtlich noch öfter als bisher wegen drohender Netzüberlastung abschalten, Stromkunden in Deutschland zusätzliche Milliarden bezahlen. Das liegt an einem neuen Abkommen zwischen dem Übertragungsnetzbetreiber Tennet und der EU: Demnach wird Tennet die Leitungen in Schleswig-Holstein noch viel stärker für Windstrom aus Dänemark öffnen als jetzt. Bis Jahresende sollen von 1760 Megawatt Leitungskapazität gleich 1300 für dänischen Strom freigegeben werden – fast doppelt so viel wie bisher.

Die von der EU noch zu besiegelnde Vereinbarung kommt auf Druck von Brüssel zustande und entspricht Plänen der dänischen EU-Wettbewerbskommissarin Margrethe Vestager: Sie will künftig an allen innereuropäischen Grenzen 75 Prozent der Leitungskapazität für den Stromhandel zwischen den Staaten garantieren. „Energie sollte in Europa ungehindert fließen“, sagt Vestager.

Mehrkosten für die Verbraucher möglich

Für die Windmüller im Norden und die Stromkunden in ganz Deutschland wäre die Regelung allerdings ein Nachteil. „Wenn Tennet 1300 Megawatt Kapazität für dänischen Wind garantiert, müssen dafür mehr norddeutsche Windparks vom Netz – denn die Netzkapazität insgesamt hat sich ja nicht erhöht“, sagt Holger Schneidewindt, Energie-Papst der deutschen Verbraucherzentralen.

Da aber auch der nicht erzeugte Strom abgeregelter Windräder bezahlt wird und teure weitere Schritte zur Netzstabilisierung nötig werden, müssten Stromkunden „Milliarden Euro“ extra zahlen, warnt Schneidewindt. Auch die europäischen Übertragungsnetzbetreiber kritisieren daher das 75-Prozent-Ziel: „Das Erzwingen einer künstlichen Schwelle wird die Kosten für die Verbraucher wesentlich erhöhen“, schreiben sie der EU.

Schon jetzt zahlen deutsche Stromkunden über die Netzentgelte jährlich mehr als eine Milliarde Euro für die Stabilisierung der vor allem im Norden stark belasteten Leitungen. Allein für das Abregeln schleswig-holsteinischer Windräder wurde letztes Jahr der Rekordbetrag von 351 Millionen Euro fällig. Hinzu kamen 259 Millionen für Windräder in anderen Bundesländern sowie 838 Millionen für weitere Netzeingriffe in ganz Deutschland.

Akzeptanz der Windenergie könnte weiter sinken

Die grüne Bundestagsabgeordnete und frühere Kieler Energiestaatssekretärin Ingrid Nestle fordert daher den Bund auf, die 75-Prozent-Regel in der EU noch zu verhindern. „Sonst droht die Akzeptanz der Energiewende weiter zu sinken“, warnt sie.

Trage der Bund aber die Öffnung der Stromgrenzen mit, müsse er wenigstens prüfen, ob er die in Bau befindliche schleswig-holsteinische Westküstenleitung erst dann mit Dänemark verbindet, wenn auch das „Südlink“-Kabel fertig ist, das ab 2025 Windstrom von Nord- nach Süddeutschland leiten soll. „Der Bund muss ausschließen“, sagt Nestle, „dass eine neue Leitung nach Dänemark vor allem zu häufigerem Abregeln von Windparks im Norden führt.“

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