Radioaktiver Müll

Landet verstrahlter Bauschutt an der dänischen Grenze?

Carlo Jolly, SHZ
Harrislee
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Jörg und Angela Wolff von der Harrisleer Bürgerinitiative – Jörg Wolff zeigte sich auf Anfrage des Flensburger Tageblatts nicht erfreut über den vorliegenden AG-Abschlussbericht. Foto: Michael Staudt/Archiv SHZ

Das schleswig-holsteinische Umweltministerium hält an Harrislee als Standort für die Entsorgung von belastetem Atomschutt fest. Dort will man sie aber nicht haben.

Mitten aus dem Sommerloch steigt in Harrislee das Gespenst der Atom-Bauschutt-Deponierung wieder auf: Der abtretende Umweltminister Robert Habeck (Grüne) stellte am Mittwoch in Kiel seinen Abschlussbericht vor, was mit dem gering verstrahlten, sogenannten freigemessenen Atom-Schutt aus den Gebäudekomplexen rund um die Atomkraftwerke Brunsbüttel und Krümmel passieren soll.

Aus dem Abschlussbericht der „AG Entsorgung freigegebener Abfälle“, der dem Schleswig-Holsteinischen Zeitungsverlag vorliegt, geht hervor, dass das Ministerium zur Deponierung an den sieben diskutierten Standorten festhält, unter dem Titel „Deponie plus“ bis zum Jahresende eine weitere „Qualifizierung“ der Deponien durch unabhängige Sachverständige erfolgen. Darunter ist die Harrisleer Deponie Balzersen am Ellunder Weg und sechs weitere im Land.

Harrislee ist der einzig geplante Standort für die Lagerung schwachradioaktiver Stoffe im Norden Schleswig-Holsteins. Foto: SHZ

Harrislee will keine belasteten Abfälle

Harrislees büroleitender Beamter Christian Petersen bestätigte am Dienstag auf Anfrage, dass der Gemeinde der Bericht bereits zugegangen sei: „Wir sind daran interessiert, dass keine belasteten Abfälle bei uns landen“, bekräftigt er. Vor zwei Jahren hatten die politischen Gremien der 12.000-Einwohner-Gemeinde – zunächst der Hauptausschuss und dann die Gemeindevertretung – jeweils einstimmig gegen die Deponierung von gering strahlendem Bauschutt gestimmt.

„Das gefiel dem Umweltministerium nicht, weil sie eine Lösung herbeiführen wollen“, glaubt Petersen. Später erklärte auch der Deponiebetreiber, dass er gegen das Votum der Gemeinde keine Atomabfälle im Ort lagern wolle.

Wie weit es Meinungsverschiedenheiten gebe, müsse man nach der Habeck-Vorstellung am Mittwoch sehen. „Wichtig für uns ist, dass er es nicht so darstellt, dass es einen Konsens mit den Gemeinden gibt.“ Petersen setzt ein bisschen auf Habeck-Nachfolger Jan Philipp Albrecht. Setzt ein neuer Minister neue Schwerpunkte?

Vorwurf: Stellungnahmen der Bürgerinitiativen nicht berücksichtigt

Auch das Bündnis der Bürgerinitiativen an den Deponiestandorten legt zum Abschlussbericht, an dem es nicht beteiligt war, eine eigene Stellungnahme vor. Und auch der in der AG unter den Umweltverbänden vertretene BUND hat ein eigenes Sondervotum versandt. Jörg Wolff von der Harrisleer Bürgerinitiative zeigte sich auf Anfrage nicht erfreut über den vorliegenden AG-Abschlussbericht, der komplett die Handschrift des Ministeriums trage. Selbst der Entsorgerverband habe es Zwischenfazit nennen wollen, so Wolff.

Er befürchtet, dass die Stellungnahme der Bürgerinitiativen ignoriert werden könnte: „Wir wollen schon diskutieren und die beste Lösung finden.“ Ein bisschen sauer sind Jörg und Angela Wolff schon: „Aus unserer Sicht hat sich das Ministerium kein Stück bewegt.“ So seien zwei Jahre verstrichen – und der Rückbau von Brunsbüttel und Krümmel stehe unmittelbar bevor. Mit Blick auf die Gemeinde Harrislee sehen sie folgendes Problem: „Wenn es nicht zu einer Einigung kommt, wird das Ministerium die Deponierung anweisen.“ Dann könne die Gemeinde nur gerichtlich dagegen vorgehen.

Flensburg hat sich noch nicht positioniert

Die Stadt Flensburg indes hat sich – im Gegensatz zu den Nachbarn Handewitt und der dänischen Kommune Apenrade – bislang nicht deutlich im Sinne Harrislees positioniert. Im Sommer 2016 fand ein klar ablehnender Antrag von Linken und WiF im Sinne Harrislees keine Mehrheit. Sie beschloss einen eher vermittelnden Text ohne klare Position und beauftragte den damaligen OB Simon Faber, eine Informationsveranstaltung in Flensburg zu organisieren – die allerdings nie stattfand.

Nachfolgerin Simone Lange kann auf keinen anderen politischen Beschluss verweisen, steht persönlich aber auf dem Standpunkt, dass man Harrislee unterstützen sollte. Sie erklärte am Dienstag: „Es ist die Frage, ob man solche Altlasten sozialisieren kann oder ob eine zentrale Lösung nicht besser wäre.“

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Gwyn Nissen
Gwyn Nissen Chefredakteur
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