Corona-Impfungen

„Die Leute sind ungehalten“: Hausarzt-Praxen im Dauerstress

„Die Leute sind ungehalten“: Hausarzt-Praxen im Dauerstress

„Die Leute sind ungehalten“: Hausarzt-Praxen im Dauerstress

Ove Jensen/shz.de
Flensburg
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Seit dieser Woche impfen die Hausärzte gegen Covid-19. Foto: via www.imago-images.de

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Die ersten Hausärzte in Flensburg impfen jetzt gegen Covid-19. Viele Praxen starten aber erst nächste Woche.

„Es ist eine Katastrophe“, stöhnt eine Praxis-Mitarbeiterin aus der Flensburger Innenstadt. Namentlich zitiert werden möchte sie damit nicht. „Die Leute rufen an und sind ungehalten, wenn sie nicht sofort einen Impftermin bekommen.“ Viele Praxen berichten von mehreren hundert Anfragen in den letzten Tagen und Wochen.

Nicht alle Anrufer wollen akzeptieren, dass die Hausärzte beim Impfen genauso priorisieren, wie es in den Impfzentren geschieht. Die Kollegin aus einer anderen Praxis bestätigt: „60 Prozent der Anrufer gehen gut damit um, wenn wir ihnen erklären, dass sie noch nicht dran sind, aber die anderen 40 Prozent nicht.“

Seit Dienstag liefern die Apotheken den Corona-Impfstoff von Biontech/Pfizer auch in Flensburg an die Hausarztpraxen aus. Viele Mediziner haben seit Monaten sehnsüchtig auf diesen Termin gewartet. Jetzt aber bedeutet der Impfstart vor allem: Stress. „Die Mitarbeiterinnen müssen sehr viel Geduld aufbringen“, bestätigt Hausärztin Dr. Christine Stegmann aus der Neustadt.

Dr. Christine Stegmann. Foto: Marcus Dewanger

Manche Ärzte bitten per Telefon-Ansage oder auf ihrer Internetseite darum, von Nachfragen zur Covid-19-Impfung abzusehen. Manche Ärzte kontaktieren von sich aus die Patienten, von denen sie wissen, dass sie besonders schutzbedürftig sind.

Hoher bürokratischer Aufwand

Einige Praxen haben gleich am ersten Tag begonnen, die ersten Patienten zu impfen, andere starteten am Mittwoch, manche aber auch erst in der kommenden Woche. In den Osterferien sind viele Praxen entweder ganz geschlossen oder aber urlaubsbedingt so ausgedünnt, dass sie sich dem großen Aufwand momentan personell nicht gewachsen sehen. Denn hinter jeder Impfung steckt viel mehr als nur ein Pieks. „Der Aufklärungsbedarf ist sehr groß“, sagt Stegmann. Auch deshalb, weil ständig neue Informationen auf die Menschen einprasseln. Zudem müssen die Hausärzte dokumentieren, wie sie den Impfstoff verteilt haben und wie viele Impfungen sie vorgenommen haben.

Fürs Erste erhält jeder Hausarzt 20 Impfdosen pro Woche. Stegmann vergleicht das mit der Grippeschutzimpfung: „Im Herbst impfen wir da 500 Menschen innerhalb von drei Monaten.“ Auf eine Woche heruntergerechnet, entspricht das der doppelten Menge, die jetzt gegen Covid-19 zur Verfügung steht.

Bei allen Anlaufschwierigkeiten: Christine Stegmann ist froh, dass sie nun endlich impfen kann. „Ich würde mir aber wünschen, dass das alles mit weniger bürokratischem Aufwand abläuft.“ Für Impfskeptiker hat sie kein Verständnis. „Ich kenne drei Menschen, die von einer Polio-Infektion bleibende Schäden davongetragen haben, aber ich kenne niemanden, der bleibende Schäden von einer Polio-Impfung behalten hat.“

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