Bahn ohne Fahrgäste

„Kapazitäten frei“ im Sylt Shuttle Plus

„Kapazitäten frei“ im Sylt Shuttle Plus

„Kapazitäten frei“ im Sylt Shuttle Plus

Niebüll
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Foto: Syltpicture/shz.de

„Überflüssig wie ein Kropf“: Seit Dezember 2015 nervt der Rangierbetrieb für den Autozug-Anhänger die Anwohner. Schleswig-Holsteins Verkehrsminister fordert eine bessere Infrastruktur.

Die Meldung machte am Mittwochmorgen blitzschnell die Runde: „Der Geisterzug ist in Niebüll entgleist!“ war bei Facebook zu lesen, der Zugverkehr zwischen Niebüll und Bredstedt wurde eingestellt, Hunderte Reisende mussten in Busse umsteigen. Geisterzug – das ist im Inseljargon der Name für den „Sylt Shuttle Plus“ der Deutschen Bahn. Das ungeliebte Anhängsel an den Autozug, in dem nur selten jemand mitfährt. Wie lange will die Bahn sich diesen Unsinn noch leisten?

Bei dem Zugunglück in Niebüll kam niemand zu Schaden, der Triebwagen war bei der Rangierfahrt bis auf den Fahrzeugführer leer. Der Wagen war an einer Weiche mit seinen beiden Achsen auf verschiedene Gleise geraten und stand schräg auf zwei Gleisen. Die Bundespolizei ermittelt noch, wie es zu dem Malheur kommen konnte. Zwischen 7.52 Uhr und 8.59 Uhr war die Strecke zwischen Niebüll und Husum gesperrt. Die Folge: 19 Züge fielen aus oder fuhren mit Verspätung.

Rangierfahrten, die auf Sylt und in Niebüll nicht nur die Anwohner nerven. Der Sylt Shuttle Plus besteht aus zwei Wagen, die zwischen Westerland und Bredstedt, Husum oder am Wochenende einmal auch Hamburg-Altona pendeln. Laut DB-Pressesprecher Egbert Meyer-Lovis fährt der „SSP“ bis zu 44 Mal täglich. In Niebüll wird der Personenzug an den Autozug angehängt, in Westerland wieder abgehängt und umgekehrt. Durch das An- und Abkuppeln dauert die Fahrt deutlich länger als mit dem Regionalexpress. Weil im SSP nur Tickets aus dem Fernverkehr gelten, ist die Fahrt meistens sogar noch teurer. In der Hochsaison nutzten doch einige Fahrgäste die beiden Triebwagen, etwa weil sie ihre Fahrräder mitnehmen durften oder weil im 16.38 Uhr-SSP bis letzte Woche auch Pendlertickets akzeptiert wurden.

Die Folge: Durch den Rangierverkehr ist der beschrankte Bahnübergang in der Gather Landstraße in Niebüll häufiger geschlossen. Am Königskamp in Tinnum müssen Fußgänger, Radler und Autofahrer oft eine Viertelstunde warten, bis sie ihren Weg fortsetzen können. „Hier wird eine Lebensader unseres Dorfes durch Rangierfahrten blockiert“, klagt der Tinnumer Ortsbeiratsvorsitzende Manfred Uekermann. Besonders ärgerlich, weil der Königskamp von vielen Kindern auf dem Weg zur Grundschule genutzt wird. Der Sylt Shuttle Plus sei von der Bahn ins Leben gerufen worden, „um sich Vorteile bei der Trassenvergabe zu erschleichen,“ erinnert Uekermann. Mit diesem Trick war es der Bahn im Vergabeverfahren 2015 gelungen, sich den Zuschlag für den größten Teil der Autozugtrassen zu sichern und damit den neuen Konkurrenten RDC auszustechen. Denn die Trassen werden auch danach vergeben, wie weit ein Zug fährt.

„Für uns ist der Sylt Shuttle Plus so überflüssig wie ein Kropf“, sagt der Sylter Bürgervorsteher Peter Schnittgard. „Er mag wirtschaftlich sein für die Bahn, aber für Sylt von Nachteil.“ Der Niebüller Bürgermeister Wilfried Bockholt pflichtet ihm bei: „Außer dem Wettbewerbsvorteil der DB kann ich im SSP auch keinen Sinn erkennen.“ Schnittgard sieht keinen Grund, warum der SSP weiterbetrieben werden sollte. Aber auch der neue Autozug-Anbieter RDC bekommt sein Fett weg: „Wann setzt RDC endlich Doppelstockwagen ein?“, erinnert der Bürgervorsteher an die Versprechungen des US-amerikanischen Eisenbahnunternehmens. Seit Betriebsstart am 18. Oktober 2016 schickt RDC nur einstöckige Autotransportzüge ein – und damit fehlt gerade in der Hochsaison wichtige Transportkapazität zwischen Niebüll und Westerland – es kommt zu Staus.

Was Doppelstockwagen angeht, bittet RDC-Geschäftsführer Markus Hunkel noch um Geduld. „Aber wir bieten mit dem Fahrplanwechsel ab 10. Dezember deutlich mehr Fahrten und eine bessere, kundenfreundliche Taktung über den Tag verteilt an.“ Angebotslücken, wie derzeit noch ab Niebüll zwischen 13.30 Uhr und 16.30 Uhr, sollen dann der Vergangenheit angehören. Keine Zukunft hat aber der späte Autozug, der in der Hauptsaison an Wochenenden um 22 Uhr ab Niebüll und um 23.05 Uhr ab Westerland auf den Weg geschickt wurde. Im neuen Fahrplan taucht er nicht mehr auf – die Nachfrage war zu gering.

Doch der RDC-Chef hat noch ein Ass im Ärmel, um den Andrang in der Hochsaison besser zu bewältigen: „Was gerade in Westerland bei Stau helfen würde, wäre die gegenseitige Anerkennung von Tickets. Seitens RDC würden wir dies begrüßen.“

Was den SSP angeht, weist DB-Pressesprecher Egbert Meyer-Lovis die Kritik der Kommunalpolitiker zurück: „Der Sylt Shuttle Plus verkehrt seit Dezember 2015 mit positiver Entwicklung.“ Die Züge hätten wesentlich dazu beigetragen, dass der Personenverkehr nach Sylt aufrechterhalten werden konnte. „Die Auslastung ist aus unserer Sicht okay; wir haben aber noch Kapazitäten frei.“

„Es ist kein Geheimnis, dass der Sylt Shuttle Plus zumindest bisher recht wenige Fahrgäste hat“, weiß auch der neue Kieler Verkehrsminister Bernd Buchholz. „Und es ist auch kein Geheimnis, dass die Erfindung des SSP der DB sehr geholfen hat, die gewünschten Trassen für den Autozug zu bekommen.“ Buchholz bekennt: „Ein großer Fan dieses Angebotes bin ich ganz sicher nicht.“ Allerdings müsse man auch zugestehen, dass „die Fahrzeuge in der schwierigen Situation nach dem Ausfall der Marschbahnwagen sehr geholfen haben und auch heute, zumindest bei Störungen, für die Pendler hilfreich sind.“ Das grundsätzliche Problem des Syltverkehrs liegt seiner Ansicht nach vor allem in der begrenzten Infrastruktur. „Hier muss dringend etwas passieren.“

– Quelle: https://www.shz.de/17782241 ©2017
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