Corona-Virus

Flensburger über Erkrankung: „Dieses Virus ist ein Biest“

Flensburger über Erkrankung: „Dieses Virus ist ein Biest“

Flensburger über Erkrankung: „Dieses Virus ist ein Biest“

Gunnar Dommasch/shz.de
Flensburg
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Sven C. und sein einsamer Blick aus dem Fenster in der Innenstadt. Foto: Sven C.

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Sven C. landete nach tagelanger Quarantäne im Krankenhaus. Auf das Gesundheitsamt ist er nicht gut zu sprechen.

Diagnose: positiv. Sven C. und seine Lebensgefährtin sind an Covid-19 erkrankt und werden in Quarantäne geschickt – wir berichteten („Und dann kam Corona“). 660 Flensburger befinden sich zu diesem Zeitpunkt in häuslicher Isolation. Was folgt, kommt für den Patienten, der seinen richtigen Namen nicht öffentlich machen will, einem Albtraum gleich: Corona, Embolie, schwere Lungenentzündung. Er gibt hier seine ganz persönliche Sicht der Dinge zu Protokoll – aufgezeichnet von Gunnar Dommasch.

Als ich die Augen aufschlage, ist es längst schon wach. Freundlich, ja fast übermütig grüßt das Murmeltier. Mein possierlicher Begleiter freut sich auf den Tag, der da kommen soll, wie er sich auf all die Tage mit dem immer gleichen, stereotypen Ablauf zuvor gefreut hat. Denn es weiß, was geschehen wird: The same procedure as every day, Stunden von quälender Gleichförmigkeit, der Blick aus dem Fenster, der Himmel blau, die allgegenwärtige Sehnsucht nach Freiheit, die viele ausleben, als sei sie selbstverständlich.

Ich bin ein Schatten meiner selbst

Ich trete vor den Spiegel, die Haare stehen zu Berge, eine anämische Blässe hat sich über mein Gesicht gelegt; das Murmeltier guckt über meine Schulter und grinst amüsiert. Es ist der 17. Tag in Quarantäne und ich bin ein Schatten meiner selbst. Langsam beginne ich zu begreifen, warum Isolation schon immer eine der weltweit beliebtesten Foltermethoden war.

Die ersten Tage nach der ernüchternden Diagnose vergehen ohne jedes Zeitgefühl. Halb komatös dämmere ich vor mich hin, die mentale und köperliche Lähmung nur unterbrochen von Hustenanfällen. Erschöpfung pur. Jede Nacht wandern vier durchgeschwitzte T-Shirts in die Wäsche – das Fieber indes bleibt aus.

Irgendwann gibt es ein vorsichtiges Erwachen aus der Lethargie. Mit meiner Partnerin verbringe ich einige Zeit in gemeinsamer Isolation; doch das erweist sich nur phasenweise als hilfreich. Ich denke an die Worte eines Freundes: „Zwei hungrige Kinder werden nicht satt.“

Große Dankbarkeit

Doch es gibt auch positive Momente, etwa dann, wenn das viel beschworene Zusammenrücken der Menschen sich andeutet. Über die Ehrenamtshilfe der Stadt und im privaten Umfeld finden sich Menschen, die Einkäufe übernehmen und die Lebensmittel vor die Tür stellen. Tierfreunde gehen dreimal am Tag mit dem Hund durch den Wald, an den Strand oder auch nur um den Block. Sie ernten jede Menge Dankbarkeit.

Einmal am Tag erkundigt sich jemand aus der Hausarztpraxis nach meinem Befinden – das vorgeschriebene Monitoring. Freunde, Familie, Bekannte sind besorgt. Ich beruhige sie alle mit dem Hinweis auf einen „milden Verlauf“. Dann ein zweiter PCR-Test auf dem Campus: noch immer positiv. Dieses Virus, denke ich, ist ein Biest!

Ein weiterer Corona-Test auf dem Campus. Foto: Sven C.

Die Quarantäne geht in die Verlängerung. Doch wenig später trifft ein Brief ein, der die Situation konterkariert: Ich hätte mich mit Datum vom soundsovielten „abgesondert“, die Quarantäne sei inzwischen amtlich beendet. Damit ist auch die Betreuung durch den Hausarzt obsolet. Ein folgenschwerer Fehler.

Der Kontakt mit dem Gesundheitsamt erweist sich als holperig. Das deckt sich mit den Erfahrungen anderer. Entweder man wird gar nicht zurückgerufen oder gleich zweimal hintereinander. Die linke Hand scheint nicht zu wissen, was die rechte tut. Vor meinem geistigen Auge sehe ich Männlein und Weiblein mit Karteikärtchen hin und her laufen. Digitalisierung? Zentrale Erfassung? Fehlanzeige.

Die medizinischen Kenntnisse bei der Corona-Hotline sind, um es höflich zu sagen, sehr unterschiedlich ausgeprägt. Es ist kein Geheimnis, dass die Behörde in Flensburg trotz personeller Aufstockung hoffnungslos überfordert ist: trauriges Exempel eines über Jahrzehnte kaputtgesparten öffentlichen Gesundheitsdienstes.

Raus aus der Quarantäne

Das Murmeltier hat sich getäuscht. Der 17. Tag verläuft nicht wie jeder andere. Er ist eine Zäsur. Denn nach einem dritten angeordneten Test meldet sich eine Mitarbeiterin des Gesundheitsamtes. Es gebe zwar ein immer noch positives Ergebnis, doch bei einem Ct-Wert von 36 auch Entwarnung. „Gehen Sie raus an die frische Luft“, lautet die Empfehlung. Die Quarantäne sei hiermit aufgehoben. Nicht jeder kann diese Ad-hoc-Entscheidung nachvollziehen, wie sich später zeigen wird.

Ich ziehe fast schon euphorisiert durch den Supermarkt. Doch plötzlich werden Schmerzen in der rechten Lungenhälfte, die sich des Nachts schon angedeutet hatten, fast unerträglich. Ich schleppe mich, gestützt auf den Einkaufswagen, bis zur Kasse und zurück nach Hause. Ich beobachte ein Gespräch an der Hafenspitze. „Du weißt, dass ich Corona hab, oder?“ sagt ein junger FFP2-bewehrter Mann emotionslos zu seinem im Verzehr-Modus vor sich hin mümmelnden Bekannten „oben ohne“, knapp zwei Meter entfernt. Der lässt vor Schreck fast seine Cola-Dose fallen.

Unbelehrbare am Hafen

Rund um den Hafen promenieren gut gelaunte Spaziergänger, Radfahrer schlängeln sich, Aerosole versprühend, zwischen ihnen hindurch. Ein gefühltes Drittel ist unmaskiert oder trägt den Mund-Nasen-Schutz auf halbmast. Die Unbelehrbaren wollen einfach nicht weniger werden, selbst angesichts der sich unerbittlich auf dem Vormarsch befindlichen britischen Mutante, die mir gottlob erspart blieb.

Mir fallen die Worte des überaus geschätzten Autors Cordt Schnibben ein, der unlängst schrieb: „Die Macht dieses Virus speist sich nur aus der Dummheit unserer Spezies, es braucht unsere Nachlässigkeit, um sich zu vermehren, es braucht unsere Mobilität und die Kontakte zwischen uns.“ Und die gibt es reichlich.

Drei schmerzvolle Nächte

Es folgen drei Nächte mit höllischen Schmerzen. Ein Hilferufe bei der Arztpraxis meines Vertrauens bleibt unerhört. „Kommen Sie auf keinen Fall hierher“, heißt es. Man könne sich schließlich nicht schützen. Ich dürfe alternativ die 116117 wählen. Aber pfeifen die Spatzen nicht schon von den Dächern, dass der ärztliche Bereitschaftsdienst kaum erreichbar ist?

Mein Hausarzt, so wird mir beschieden, werde den Patienten keinesfalls zu Hause konsultieren. Dieser dementiert später. Er sei überdies vom Gesundheitsamt nicht darüber informiert worden, dass die Quarantäne verlängert worden ist. „Sie stehen hier nicht mehr auf der Liste“, sagt er konsterniert. Und ich denke: Covid-Patienten sind ziemlich einsam.

Diagnose: Lungenentzündung

Jetzt aber soll alles ganz schnell gehen. Muss auch! Eine Internistin der Diako wird informiert. Ich versuche tapfer mitzuhalten, krieche im forcierten Schneckentempo die Toosbüystraße hinauf zur Notaufnahme. Dort ein erneuter, der inzwischen vierte Test. Die Blutentnahme ergibt sehr hohe Entzündungswerte. Eine Röntgenaufnahme bestätigt: schwere Lungenentzündung mit Verdacht auf Embolie. Auch das wird durch eine Computertomografie untermauert. Antibiotika intravenös, Thrombosespritzen, beruhigende Worte obendrauf.

Erneut wandere ich in die Isolation. Schlafen kann ich nicht, Ängste werden wach. Erst nach drei Tagen, nach einem finalen Gurgeltest, kann endlich die Diagnostik beginnen: Beinvenen, innere Organe, das Herz...

Mein Krankenhausbett wird gebraucht

Ich buche ein Einzelzimmer für 95 Euro pro Nacht, andernfalls, so fürchte ich, kann ich nicht gesunden. Toilette und Dusche muss ich allerdings teilen. Selbst ein Zweibettzimmer bekommt man nur gegen Aufpreis. Die Pfleger und Pflegerinnen sind ausgesprochen nett, sie sind ebenso wie die sympathische und sehr bemühte Stationsärztin inklusive. Vier Wochen nach den ersten Symptomen kann ich unvermittelt das Krankenhaus verlassen. Das Bett wird gebraucht, der nächste Patient liegt schon auf dem Flur.

Die menschliche Natur ist darauf ausgerichtet, für erlittenes Ungemach gern einen Schuldigen finden zu wollen. Das erweist sich meist als wenig zielführend. Dennoch bleibt die Erkenntnis, dass die Infektion, die in diesem Kontext mindestens sieben Betroffene erwischt und viele Kontaktpersonen in die Quarantäne getrieben hat, vermeidbar gewesen wäre.

Der Infektionsursprung

Es gab genug Zeit, die Kette nachzuvollziehen. Vieles spricht dafür, dass sie über die Eltern eines Kita-Kindes in der Notbetreuung seinen Anfang nahm. So wie es aussieht, wurde die Leitung der Kita erst mit erheblicher Verzögerung über den Corona-Ausbruch informiert und nahm dann das Heft des Handelns mit den überfälligen Informationen selbst in die Hand. Doch da war es schon zu spät.

Das Murmeltier ist übrigens ausgezogen. Es hat ein neues Zuhause gefunden – die Auswahl an der Förde ist inzwischen riesengroß.

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