Urlaub in Corona-Zeiten

Das zeichnet die Modellregionen für den Tourismus in SH aus

Das zeichnet die Modellregionen für den Tourismus in SH aus

Das zeichnet die Modellregionen für den Tourismus in SH aus

Frank Jung/shz.de
Kiel
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Am kommenden Montag öffnen die ersten Unterkünfte im Land wieder ihre Türen. Foto: Daniel Reinhardt

Fünf Gebiete, fünf Konzepte: Modellprojekte sollen ausloten, ob Tourismus in Corona-Zeiten funktioniert. Ein Überblick.

Es ist ein tastender Anfang: Am Montag starten mit der Schleiregion und Eckernförde die zwei ersten Modellprojekte für ein Wiederanfahren des Tourismus in Schleswig-Holstein. Bis Mitte Mai wollen Nordfriesland, Büsum und die Lübecker Bucht hinzukommen.

Die Landesregierung hat die Testgebiete aus zwölf Bewerbungen ausgewählt. Bewusst verfolgen alle verschiedene Konzepte, um zu sehen, was in Pandemiezeiten am ehesten funktioniert. Gemeinsam ist allen: Wird drei Tage in Folge ein Inzidenzwert von mehr als 100 erreicht, brechen die Gesundheitsbehörden den Modellversuch ab. Geht alles gut, ist der Versuchszeitraum für jede Region auf vier Wochen beschränkt.

Schlei: Besonders vorsichtig

Die Schleiregion hat das vorsichtigste Konzept von allen Teilnehmern. Als einzige Modellregion öffnet sie nur das Übernachtungsgewerbe. Die Innen-Gastronomie bleibt zu. Und auch Hotels und Pensionen müssen Frühstücksräume geschlossen lassen und die Gäste entweder auf dem Zimmer oder auf der Terrasse verpflegen.

Allerdings dominieren in der Region, die von Schleswig bis Kappeln reicht und die Halbinsel Schwansen einschließt, ohnehin Ferienwohnungen und Ferienhäuser. Sie machen rund 80 Prozent der Unterkünfte aus, sagt Max Triphaus, Geschäftsführer der Ostseefjord-Schlei-GmbH. „Dadurch können Urlauber hier besonders gut unter sich bleiben.“

Auch Campingplätze und Sportboothäfen sind mit fester Vorausbuchung geöffnet. Triphaus rechnet mit 40.000 Gästeankünften innerhalb der nächsten vier Wochen. Für die Urlauber wurden eigens zwölf Teststationen geschaffen. Dort muss sich jeder nach drei Tagen mit einem Antigen-Schnelltest kontrollieren lassen, wer länger bleibt, anschließend jeden vierten Tag.

Ohnehin ist bei der Anreise ein negativer Antigen- oder PCR-Test Pflicht. Er darf maximal 48 Stunden alt sein. Vermieter müssen ihn sich vorzeigen lassen – wie die Ergebnisse der weiteren Tests in der Urlaubsregion auch. Die Testergebnisse müssen sie vier Wochen lang aufbewahren. Alle Vermieter und alle Gäste verpflichten sich, die Luca-App auf ihrem Smartphone zu installieren – zur schnellen Nachverfolgung von Kontakten durch die Gesundheitsämter.

Eckernförde: der freizügigste Kandidat

Kleines Gebiet und eher locker: Das zeichnet das Konzept Eckernfördes aus. Es ist aufs Stadtgebiet beschränkt. Alle touristischen Leistungsträger haben geöffnet: Hotels und Pensionen ohne jede Einschränkung bei Bewirtung, Ferienwohnungen und -häuser, auch die Innengastronomie, und das bis 23 Uhr. Kein Anbieter muss sich eigens für die Teilnahme am Modellprojekt registrieren oder sonstige Extra-Formulare ausfüllen. „Wir haben im vergangenen Jahr bei allen Anbietern ein Online-Meldescheinsystem installiert, dadurch wissen wir ohnehin, wer sich bei welchem Gastgeber aufhält“, erklärt Tourismus-Chef Stefan Borgmann.

Ein höchstens 48 Stunden alter negativer Antigenschnelltest ist Voraussetzung sowohl zum Einchecken zum Übernachten als auch für den Innen-Bereich von Lokalen. Das gilt auch für Geimpfte, da wissenschaftlich nicht geklärt ist, ob sie trotzdem Überträger des Virus sein können. Nach zwei Tagen muss bei Übernachtungsgästen ein weiterer Antigen-Schnelltest folgen. Dazu wurde die Zahl der Testzentren auf neun erhöht. Weitere Termine sind kein Muss.

„Bei uns geht es der wissenschaftlichen Begleitung vor allem um die Frage, ob Touristen Corona einschleppen“, erklärt Borgmann. „Dazu sind dann immer wieder neue Corona-Tests m Urlaubsgebiet nicht unbedingt nötig.“

Allerdings geht er davon aus, dass sich Touristen mit längerem Aufenthalt freiwillig doch mehrfach testen lassen. Denn weil sie sonst nach 48 Stunden nicht mehr in die Innen-Gastronomie kommen, haben sie dazu einen Anreiz. Die Auslastung der Quartiere mit rund 2000 Betten für die nächsten vier Wochen liegt laut Borgmann derzeit bei gut 30 Prozent. Er geht davon aus, dass im Durchschnitt der vier Wochen 60 bis 70 Prozent erreicht werden.

Büsum: intensivste Einlasskontrolle

Das Nordseebad im Kreis Dithmarschen sichert sich von allen Modellregionen bei Urlaubsbeginn am stärksten ab: Nicht nur muss jeder von zu Hause ein negatives Schnelltest-Ergebnis mitbringen, das höchstens 48 Stunden alt ist. Zusätzlich unterzieht sich jeder Übernachtungsgast bei der Ankunft einem Eingangstest. Dieser Antigen-Schnelltest wird entweder in einem der örtlichen Testzentren absolviert oder in größeren Betrieben bei dortigen eigens ausgebildeten Test beauftragten.

„Somit sichern wir uns doppelt ab“, hebt Tourismuschef Olaf Raffel hervor. Das solle Risiken etwa durch Ansteckung auf Autobahn-Rastplätzen auffangen. Immerhin betrage die Anreisereichweite der Büsumer Gäste bis zu 500 Kilometer.

Die Corona-Beauftragten der Betriebe sollen auch dafür sorgen, dass die Belegschaft mindestens alle drei Tage getestet wird, Angestellte mit ausgeprägtem Kundenkontakt jeden Tag. Der Zutritt zur Innen-Gastronomie ist abhängig von einem negativen, höchstens 24 Stunden alten Antigen-Schnelltest. Das gilt auch für weitere touristische Indoor-Aktivitäten.

Rund die Hälfte aller Quartiere in Büsum, inklusive Camping, werden laut Raffel geöffnet sein. Er rechnet innerhalb von vier Wochen mit maximal 30.000 Ankünften.

Dreh- und Angelpunkt der digitalen Kontaktnachverfolgung ist die Gäste-Karte. Jeder Tourist erhält sie über seinen Vermieter. Darauf werden auch die Ergebnisse der Antigen-Schnelltests gespeichert. Die Karte ist mit einem QR-Code ausgestattet. Dadurch lässt sich zum Beispiel auch ein Tisch in einem Restaurant reservieren.

Das macht uns unabhängig von der Luca-App. Die können nicht bei jedem Gast von 60 plus voraussetzen, dass er immer sein Smartphone dabeihat. Und außerhalb der Ferien haben wir viele Gäste in dieser Altersgruppe.

Olaf Raffel, Tourismuschef

In Spitzenzeiten geht Büsum von bis zu 10.000 Antigen-Schnelltests pro Tag aus. Dazu sind vier Testzentren zu dem schon vorhandenen ersten aufgebaut worden. Das Passantenaufkommen an den touristischen Hotspots des Ortes wird durch elektronische Besucherzählung erfasst. Bei Überfüllung sperren Ordnungsamt und Polizei bestimmte Wege ab.

Den Starttermin hat Büsum auf den 10. Mai verschoben. Das Infektionsgeschehen erscheint dem Kreisgesundheitsamt für einen früheren Beginn zu unsicher.

Foto: Grafik Can Yalim

Nordfriesland: Flächengigant mit Wackelkandidat

Ob sich das Modellprojekt auch auf Deutschlands größte Nordseeinsel erstreckt, wird vom Votum der Gemeindevertretung Sylt am 22. April abhängen. Für den Rest des Kreises Nordfriesland, darunter etwa auch der Tourismus-„Tanker“ St. Peter-Ording, ist das Konzept mit Starttermin 1. Mai genehmigt.

Ihren Schlüssel erhalten Übernachtungsgäste nur bei Nachweis eines negativen, allenfalls 48 Stunden alten Testergebnisses aus der Heimat. Alle weiteren 48 Stunden ist über den gesamten Aufenthalt eine Folgetestung vorzunehmen. Für Zutritt zur Gastronomie darf ein negativer Corona-Test sogar nur 24 Stunden alt sein. Das gilt nicht nur für den Innen-, sondern anders als in anderen Modellregionen auch für den Außenbereich. Um Kontakte nachverfolgen zu können, gilt für Betriebe wie für Gäste Pflicht zur Benutzung der Luca-App.

Angehörige touristischer Betriebe werden mindestens alle 48 Stunden, bei engem Kundenkontakt alle 24 Stunden getestet. Ob für Gäste oder Mitarbeiter: Die Anbieter müssen entweder mit den ohnehin vorhandenen rund 60 Bürgertestzentren eine Kooperation eingehen oder durch Betriebsbeauftragte selbst die Tests vornehmen.

Eine Einschätzung, wie viele Hotels, Pensionen, Ferienwohnungen, Ferienhäuser, Campingplätze oder sonstige Vermieter geöffnet sein werden, hat der Kreis noch nicht: Erst ab Anfang der nächsten Woche können sich Anbieter akkreditieren. Eine Deckelung ist nach Angaben der Kreis-Pressestelle nicht geplant, mitmachen können soll jeder, der möchte und sich den Regeln unterwirft. Klar sei aber bereits geworden, dass einigen Anbietern die Anforderungen zu hoch seien. In wenigen Tagen will der Kreis auch eine Telefon-Hotline sowohl für Gäste als auch Anbieter schalten.

In Gruppen von bis zu zehn Personen sind auch Aktivitäten im Freien wie etwa Wattwanderungen oder Stadtführungen möglich; selbst dafür gilt aber ein höchstens einen Tag alter negativer Antigen-Schnelltest. Ob Freizeiteinrichtungen öffnen, genehmigt der Kreis eventuell auf Antrag im Einzelfall.

Anders als bei anderen Modellprojekten sieht das nordfriesische vor, den Einzelhandel für normales Shoppen länger geöffnet zu halten als es die allgemeine Landesverordnung regelt. Dazu müssten Kunden dann aber auch ein negatives Testergebnis vorlegen und Kontaktdaten zur Verfügung stellen.

Lübecker Bucht: Hochfahren in zwei Schritten

Die Modellregion umfasst Timmendorfer Strand, Scharbeutz, Sierksdorf und Neustadt. Öffnungen erfolgen in zwei Schritten. „Das gibt uns Zeit zum Üben, unter anderem für das Test-Regime“, sagt der Geschäftsführer der Lokalen Tourismusorganisation Lübecker Bucht, Andre Rosinski. Selbstversorger in Ferienwohnungen und -häusern inklusive Camping dürfen ab dem 26. April anreisen, Hotel- und Pensionsgäste ab dem 3. Mai. Die Innen-Gastronomie ist im ersten Schritt ab 26. April dabei, täglich bis 22 Uhr.

Beide Starttermine wurden wegen zu unsicherer Corona-Inzidenzen nach hinten verlegt. Laut Rosinski wird ungefähr 40 Prozent des Bettenbestands zur Verfügung stehen. „Das Interesse der Bewerber war noch deutlich höher.“ Man wolle aber bewusst die Auslastung im Rahmen halten. „Die Kern-Motivation des Projekts ist ja der wissenschaftliche Ansatz, nämlich zu gucken, wie Tourismus derzeit funktionieren kann.“

Das negative höchstens 48 Stunden alte Testergebnis bei Anreise muss zum Übernachten alle zwei Tage erneuert werden. In der Bewerbung war zunächst nur einmal nach Anreise geplant. Für Besuche in der Gastronomie gilt ein eintägiger Test-Rhythmus. Die Belegschaft ist mindestens zweimal pro Woche mit Testen dran. Die Luca-App zu verwenden, ist eine Empfehlung. Wer sie nicht hat, erhält von den Beherbergungsbetrieben die so genannte Luca-Schlüsselanhängerlösung: eine Art Scheck-Karte mit QR-Code, der personenbezogene Daten speichert.

Inwieweit vereinzelt Freizeiteinrichtungen offen sind, lässt sich noch nicht sagen. Die Ostseetherme in Scharbeutz etwa hat dies laut Rosinski beantragt, ob und mit welchen Einschränkungen der Kreis dies genehmigt, ist aber ungewiss.

Das Volumen der Buchungsanfragen nennt Rosinski „enorm“. Er erwartet, dass die verfügbaren Quartiere in wenigen Tagen schon zu 70 Prozent ausgebucht sein werden.

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