Inklusion

Wie es sich als Sehbehinderte auf Hallig Oland lebt

Wie es sich als Sehbehinderte auf Hallig Oland lebt

Wie es sich als Sehbehinderte auf Hallig Oland lebt

Jonas Bargmann/shz.de
Hallig Oland
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Mehrmals die Woche geht Regina Hillmann auf Hallig Oland spazieren. Die rund fünf Kilometer lange Strecke absolviert sie entweder alleine oder gemeinsam mit einer Freundin. Foto: Privat

Regina Hillmann ist von Geburt an stark sehbeeinträchtigt. Das hielt sie nicht davon ab, auf die Hallig Oland zu ziehen.

Wenn Regina Hillmann auf Hallig Oland spazieren geht, ist sie ohne Hilfsmittel unterwegs. Das klingt im ersten Moment unspektakulär. Aber die 50-Jährige ist von Geburt an sehbehindert und hat derzeit ein Restsehvermögen von drei Prozent.

Auf der Hallig Oland ohne Blindenstock unterwegs

Erkennt sie nur helle und dunkle Farben oder nur Umrisse von Menschen und Gegenständen? Das kann Hillmann nicht beschreiben. „Ich habe ja keinen Vergleich, daher kann ich es nur erahnen. Aber es ist mehr als nur das Erkennen der Umrisse.“ Sie könne beispielsweise trotz ihrer starken Kurzsichtigkeit noch die Uhr am Handgelenk lesen. „15.24 Uhr“, sagt sie selbstbewusst, nach dem sie auf den Zeitmesser geblickt hat.

Die Orientierung fällt ihr an Orten einfacher, an denen sie sich auskennt, etwa auf der Hallig. Hier kann sie sich ohne Blindenstock bewegen. Der dient zur Orientierung und zur Kennzeichnung. „Aber hier kennen mich die Leute sowieso“, sagt Hillmann und lacht. „Auch die, die nur gelegentlich hier sind.“

Tagestouristen seien dagegen anfangs irritiert gewesen. Doch die Hillmanns Vermieter hätten sie dann aufgeklärt. Auf der Hallig kann Regina Hillmann „entspannt spazieren“. Mehrmals die Woche läuft sie entweder alleine oder mit einer Freundin eine rund fünf Kilometer lange Strecke um die Hallig. Dabei genießt sie besonders, dass die Geräuschkulisse hier deutlich leiser ist als auf dem Festland. So kann sie sich besser mit dem Hörsinn orientieren.

Umzug vom Festland auf das Eiland mit der Lore

Oland ist nun ihr Zuhause – sechs Kilometer vom Festland entfernt genießt sie seit fast zwei Jahren ihr Leben. Die Hallig kannte sie bereits vorher. Zahlreiche Winter- und Sommerurlaube hat sie mit einer Freundin dort verbracht. „Hier ist es entspannter als in der Großstadt“, berichtet sie.

Der Umzug aus Hamburg war für die gelernte Industriekauffrau aber etwas Besonderes. „Mein ganzes Hab und Gut mit einer Lore zu transportieren, war schon außergewöhnlich.“

Mittlerweile bereitet sie sich auf der Hallig auf ihre Selbstständigkeit vor. Sie möchte Mitarbeiter aus dem Dienstleistungsbereich, beispielsweise Gastronomie, Krankenhäuser oder Reha-Kliniken, im Umgang mit behinderten Menschen schulen.

Regina Hillmann will von ihrem Büro auf der Hallig den Sprung in die Selbstständigkeit wagen. Foto: Privat

Schwerpunkte will sie dabei auf blinde- und sehbehinderte sowie körperbehinderte Menschen legen. Dafür bereitet sie Inhalte für ihre Homepage vor, nimmt Kontakt zu potenziellen Kunden auf, etwa Verbände oder Betriebe. „Ich hatte schon länger mit dem Gedanken gespielt, mich beruflich umzuorientieren.“

Lebensmittel werden nur einmal pro Woche per Lore geliefert

Nicht nur in ihrem Berufsleben muss Hillmann derzeit viel organisieren, auch privat. Lebensmittel werden ihr nur einmal pro Woche geliefert – immer mittwochs. „Es existiert ein Vertrag zwischen der Gemeinde Langeneß und einem Supermarkt in Niebüll.“ Die Lebensmittel werden mit einer Lore gebracht. Schnell nochmal im Supermarkt nachkaufen, ist nicht drin.

Kochen ist für Regina Hillmann kein Problem. Allerdings muss sie ihren Speiseplan immer eine Woche im voraus planen. Foto: Privat

Manchmal fahren Halligbewohner auf das Festland. Dann kann sich Hillmann etwas nachbestellen. Weil sie nur einmal die Woche Lebensmittel erhält, plant die 50-Jährige ihr Essen sieben Tage im Voraus. „Das ist nicht schlimm. Ich habe einen Gefrierschrank. Die Zutaten für Spaghetti mit Pesto oder Pfannkuchen habe ich immer da – falls die Lieferung einmal wetterbedingt später kommt oder etwas fehlt.“

Kochen als Sehbehinderte sei kein Problem. „Solche Dinge lernt man im Einzelunterricht. Beispielsweise nehme ich für das Salzen der Nudeln einen Teelöffel.“

Derzeit ist keine Rückkehr auf das Festland geplant

Ob sie manchmal das Festland vermisst? „Mit dem Umzug habe ich meine Selbstständigkeit, die ich in Hamburg hatte, ein Stück weit aufgegeben“, sagt Hillmann. Ein Beispiel: Die Anbindung an den öffentlichen Nahverkehr. „Man kann nicht einfach schnell mal irgendwo hinfahren und Sachen erleben.“ Aber aufs Festland möchte sie erstmal nicht zurück: „Man weiß nie, was sich ergibt. Aber momentan gehe ich fest davon aus, dass ich hier auf Hallig Oland bleibe.“

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