Corona-Maßnahmen

Überforderung: Schulen verschieben Corona-Selbsttests

Überforderung: Schulen verschieben Corona-Selbsttests

Überforderung: Schulen verschieben Corona-Selbsttests

Frank Jung/shz.de
Kiel
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Das Bildungsministerium registriert seinem Sprecher zufolge „weitestgehend positive Rückmeldungen“ von den Schulen. Foto: Matthias Balk

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Der neue Baustein gegen Infektionen geht in Schleswig-Holstein nur schleppend an den Start.

Jana Jeß, Leiterin der Grundschule Obereider in Rendsburg, hat die Absage offiziell gemacht. In einem Brief an die Eltern ihrer 191 Schüler teilt sie mit, dass es zumindest in dieser Woche keine Selbsttests die Kinder geben werde. Und in der nächsten nur vielleicht. „Das Durchführen der Testungen ohne professionelle Unterstützung halten wir für kaum umsetzbar“, schreibt Jeß. Die Nachfrage der Schulen nach externer Hilfe „ist wohl so hoch, dass das Land die Mittel dafür nicht bereitstellen kann und möchte.“

Für die meisten ist das auf die Schnelle eine große Heraus- bis Überforderung.

Astrid Henke, Vorsitzende Gewerkschaft & Wissenschaft

Der Brief ist nur ein Schlaglicht für Startschwierigkeiten, die zahlreiche Schulen mit dem neuen Baustein haben, der laut Bildungsministerin Karin Prien (CDU) mehr Sicherheit gegen Corona-Infektionen bringen soll. „Viele Schulen haben die ersten Selbsttests für Schüler in die nächste Woche verschoben“, sagt Astrid Henke, Vorsitzende der Lehrergewerkschaft Erziehung & Wissenschaft (GEW). „Für die meisten ist das auf die Schnelle eine große Heraus- bis Überforderung.“

Das eine sei die Anleitung der Schüler zur korrekten Handhabung der Test-Kits. Das andere, „dass es eine gute pädagogische Begleitung braucht, um auf positive Testergebnisse zu reagieren“. Panik und Stigmatisierung müssten vermieden werden.

Falsche Hoffnung auf professionelle Hilfskräfte

Die Grundschule Obereider hatte sich zur Begleitung der Schülertests eigentlich zwei Kräfte mit Apotheker- und Arzthelferinnenausbildung organisiert – Leute, die auch das Kollegium zweimal pro Woche testen. Abgerechnet werden sollte der Einsatz laut Schulleiterin Jeß über die Kassenärztliche Vereinigung. Doch dafür hat Jeß nach eigenen Angaben vom Ministerium kurzfristig eine Absage erhalten. Deshalb der Brief an die Eltern, zumal mehrere Lehrkräfte wegen Nebenwirkungen von Corona-Schutzimpfungen ausfielen. Motorisch seien viele Grundschüler mit den Tests überfordert, meint Jeß.

Reduzierte Aussagekraft, aber psychologische Schäden?

Das sieht auch der Vorsitzende Landeselternbeirats für Grundschulen, Volker Nötzold, so. Das werde bei kleinen Kindern zu Lasten der Aussagekraft der Ergebnisse gehen. Demgegenüber befürchtet Nötzold „psychologische Schäden“. Fälschlich positiv getestete Schüler würden in der Klasse „diskriminiert“, eventuell auch zu Unrecht mit Vorwürfen konfrontiert, sich nicht an Hygiene- und Abstandsregeln gehalten zu haben. Der Elternvertreter berichtet von „zahlreichen Anrufen verunsicherter Mütter und Väter“. Von der praktischen Umsetzung der Tests hat er aus den Schilderungen, die ihn erreichen, das Bild „eines allgemeinen Chaos“.

Ende der Woche soll es Best-Practice-Beispiele geben

Das Bildungsministerium hingegen registriert seinem Sprecher zufolge „weitestgehend positive Rückmeldungen“ von den Schulen. „Wir werden zum Ende der Woche abfragen, wie die erste Selbsttestwoche gelaufen ist und werden auch so genannte Best-Practice-Beispiele sammeln.“

Zum Elternbrief aus Rendsburg erklärt der Sprecher: „Den Schulen wurde zu keinem Zeitpunkt in Aussicht gestellt, dass für die Selbsttests an den Schulen medizinisches Fachpersonal zur Verfügung gestellt wird.“ Schließlich seien die Test-Kits für Endverbraucher konzipiert. Offiziell „gelistete Fachkräfte“ kämen erst in Betracht, wenn an einer Schule ein Bürgertestzentrum eingerichtet werden sollte. Dabei aber gehe es dann um Schnelltests für alle möglichen Personen – nicht um für Schüler vorgesehene Selbsttests.

Das Ministerium setzt darauf, dass sich zusehends auch Eltern als Aufsichtskräfte für die Selbsttests der Schüler zur Verfügung stellen. Das befürwortet auch die GEW, dort, wo sich nicht genügend finden, hofft Vorsitzende Henke auf Hilfsorganisationen wie das DRK oder das THW.

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