Hochschul-Politik

Professoren-Wut über Zwei-Klassen-Gesellschaft

Professoren-Wut über Zwei-Klassen-Gesellschaft

Professoren-Wut über Zwei-Klassen-Gesellschaft

Frank Jung/shz.de
Kiel
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Hörsäle sind zwar wieder gefüllt, aber bald wohl fast nur noch von Einheimischen. Foto: dpa

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Die Wissenschaftler an den Fachhochschulen wollen genau so wenig lehren wie ihre Kollegen an den Universitäten.

Die Enttäuschung von Professor Claus Neumann spricht aus jeder Zeile seines Schreibens. Adressaten sind das Wissenschaftsministerium und der Bildungsausschuss des Landtags. Der Vorsitzende des Senats der Fachhochschule Kiel macht in seiner Stellungnahme seinem Ärger darüber Luft, dass das Land die Wissenschaftler an den vier Fachhochschulen in Schleswig-Holstein auch künftig mehr Unterricht erteilen lassen will als an den drei Universitäten. Das „zementiert eine längst überholte Ungleichbehandlung und verschiedene Wertschätzung der Hochschultypen“, so der Wortführer des Protests.

Der Entwurf entspricht dem Status Quo längst vergangener Zeiten.

Professor Claus Neumann, Fachhochschule Kiel

„Mit großen Hoffnungen“ habe man „die längst überfällige Novellierung der Lehrverpflichtungs-Verordnung (LVVO) erwartet“, formuliert Neumann. Nun zeige sich aber: Das Papier „entspricht dem Status Quo vergangener Zeiten“. Der Entwurf werde „der jetzigen Situation in keiner Weise gerecht“. „Zentrale Punkte“ lehnt Neumann „deshalb grundlegend ab“.

Der Unterschied beträgt sechs Stunden pro Woche

Die Landespolitik macht sich in der Verordnung nur an einige Details heran, etwa an Regelungsbedarfe für die digitale Lehre, lässt aber die Zwei-Klassen-Gesellschaft bei der Lehrverpflichtung des Hochschulpersonals bestehen: Fachhochschul-Professoren sollen weiter pro Woche 18 Stunden unterrichten, Universitäts-Professoren hingegen meist nur neun. Ähnlich ist der Unterschied bei Dozenten weiter unten in der wissenschaftlichen Hierarchie: So genannte Lehrkräfte für besondere Aufgaben (LfbA) müssen an Fachhochschulen mit 22 bis 24 Stunden ebenfalls mehr Stoff vermitteln als ihre Kollegen an den Unis. An den Fachhochschulen des Landes in Kiel, Flensburg, Heide und Lübeck sind 385 Professoren und 130 LfbA-Kräfte tätig. Die Zahl der Professoren an den Universitäten Kiel, Flensburg und Lübeck beträgt 605, die Zahl er dortigen LfbA-Kräfte 140.

Der Forschungsanteil an den Fachhochschulen ist aber in den vergangenen Jahren stark gestiegen.

Torsten Haase, Sprecher Hochschule Flensburg

Die Fachhochschule Flensburg, nach außen hin nur noch als „Hochschule Flensburg“ firmierend, steht laut Sprecher Torsten Haase „vollumfänglich hinter der Stellungnahme der FH Kiel“. Der hohe Pflicht-Anteil der Lehre bereite immer wieder Schwierigkeiten, Professoren für Fachhochschulen zu gewinnen. „Bei 18 Semester-Wochenstunden Lehrverpflichtung bleibt da für die Forschung fast keine Zeit“, klagt Haase. „Der Forschungsanteil an den Fachhochschulen ist aber in den vergangenen Jahren stark gestiegen. Hier müsste nachgesteuert werden, um auch künftig gute Kräfte an die Fachhochschulen zu bekommen.“

Claus Neumann von der FH Kiel argumentiert ähnlich. Er führt zudem den Wissenstransfer in die Praxis als Kernaufgabe der Fachhochschulen an. Auf diese Art Lösungen für gesellschaftliche, kulturelle und wirtschaftliche Probleme zu finden, „bedingt einen permanent hohen Zeiteinsatz“. Obendrein widerspricht die Diskrepanz bei der Lehrverpflichtung nach Ansicht Neumanns der Gleichwertigkeit der Abschlüsse beider Hochschultypen. Die, so gibt er zu bedenken, sei doch mehr als zehn Jahre nach dem so genannten europaweiten „Bologna-Prozess“, Konsens in Politik und Hochschulwelt.

Mehr Gleichbehandlung würde jährlich 20,1 Millionen Euro kosten

Mit der Wertigkeit der Abschlüsse habe der Umfang der Lehrverpflichtung nichts zu tun, kontert das Kieler Wissenschaftsministerium. Es beruft sich bei den Unterschieden der Zeitkontingente auf einen bundesweit geltenden Beschluss der Kultusministerkonferenz von 2003. Das Ressort von Karin Prien (CDU) hat ausgerechnet: Eine Reduktion der Lehrverpflichtung für Fachhochschul-Profs würde jedes Jahr Mehrkosten zwischen 6,7 und 20,1 Millionen Euro bedeuten, je nachdem, ob man auf 16 oder auf zwölf Stunden herunterginge.

Neumann schlägt als Kompromiss zunächst eine Absenkung auf 14 Stunden für Professoren und 18 für LfbA-Kräfte vor. Zugleich solle die Politik einen Zeitpunkt für eine vollständige Angleichung ans Uni-Niveau definieren.

Das Bildungsministerium will vor Äußerungen über das weitere Vorgehen zunächst abwarten, bis die Anhörungsfrist zur Verordnungs-Novelle abgelaufen ist.

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